Reformatorische Theologie – Wegbereiter emergenter Reich Gottes Lehre?

Zurück von der Frühjahrskonferenz der Konferenz für Gemeindewachstum (KfG). Hauptthema: „Vom Schriftprinzip zur Schriftkritik – 500 Jahre Theologiegeschichte im Überblick“, Nebenthema: „Die große Transformation?“ (Emerging Church). Referent: Pastor Dr. W. Nestvogel (BEG-Hannover). Wer diesen Blog über die Jahre verfolgt haben oder mich persönlich kennen sollte, weiß um meine persönliche Wertschätzung Pastor Nestvogels einerseits, der kritischen Begleitung seines dispensationalistischen Lehrverständnisses andererseits.

Die Vorträge zum Thema reformatorischer contra historisch-kritischer Hermeneutik, deren geschichtlich-philosophische Entwicklung und geistliche Beurteilung waren insgesamt- wie nicht anders erwartet- gut. Zugeschnitten auf Publikum und Zeitrahmen, hat der Referent rhetorisch auf hohem Niveau, mit sprachlichem Witz und symphatisch, dass im Grunde eher trockene Thema für alle Konferenzteilnehmer lebendig und dessen Relevanz und Aktualität für die evangelikale Bewegung deutlich werden lassen.

Soweit so gut.

Anlass dieses Blogs, war die letzte Antwort und leider auch Zustimmung Pastor Nestvogels zu der Bemerkung eines Konferenzteilnehmers. Dieser äußerte die Möglichkeit einer Verbindung zwischen dem emergenten Verständnis einer gesellschaftlichen Verwirklichung des messianischen Friedensreichs als “Königreich Gottes” im Heute und der reformierten (eigentlich reformatorischen!) Position bezüglich des Tausendjährigen Reiches aus Offenbarung 20.

Die Antwort Pastor Nestvogels war so bekannt wie erwartet und wenig überzeugend. Reformierte/Presbyterianier wurden zwar ausdrücklich als Geschwister bezeichnet, jedoch stimmte Pastor Nestvogel dem Konferenzteilnehmer zu, versuchte diese argumentativ zu bestätigen und erklärte allen Ernstes die Reformatoren und deren Theologie in dieser Frage zu Wegbereitern der emergenten Reich Gottes Irrlehre. Seinen bekannten Argumenten und Irrtümern wurde bereits hier und hier ausreichend widersprochen:

Aktuelles Beispiel und Beleg dieser inhaltlichen Verquickung zwischen reformierter Theologie und emergenten Gedankengut sei- so Pastor Nestvogel- u. a. das im Betanien-Verlag erschienene Buch: „Zukunft. Hoffnung. Bibel.“ von Roland Hardmeier. Beim Betanien-Verlag ist zu Autor und Buch folgendes zu lesen:

Information der Betanien-Redaktion vom 22. März 2012: Da wir uns klarer gegen den aktuellen Trend der „Gesellschaftstransformation“ (Dominionismus) positionieren möchten, bieten wir dieses Buch nicht länger in unserem Onlineshop an. Zwar entspricht die Eschatologie in diesem Buch weitgehend unserer Auffassung, allerdings enthält es auch einige Aussagen zugunsten des von uns abgelehnten „transformatorischen Missionsverständnisses“, für das der Autor ein nicht unbedeutender Vertreter ist.

Auf die bekannte dispensationalistische Position Pastor Nestvogels, möchte ich hier nicht erneut eingehen. An dieser Stelle wichtig, ist jedoch ein inhaltlicher Widerspruch zu der falschen Behauptung, es existiere eine Kongruenz zwischen der emergenten Irrlehre, einer aktiven Umgestaltung dieser Welt in sozialer und gesellschaftspolitischer Hinsicht ohne exegetischen Rückhalt (mehr dazu hier) und der dem reformatorischen Schriftprinzip verpflichteten Position (hier der amillenialistischen Position), einer realen Herrschaft Christi seit seiner Himmelfahrt (mehr dazu bspw. von Prof. Dr. D, Murray hier).

Der reformatorische Amillenialismus und der Präsentismus der Emerging Church sind im Bezug auf das Reicht Gottes gerade am weitesten voneinander entfernt. Man könnt, wenn man wollte sogar sagen, das seine eigene Lehrmeinung, der Dispensationalismus, der Lehre der Emerging Church näher steht. Aber das wäre gehässig und genauso falsch wie seine falsche Behauptung.

Schade das die ansonsten gute Konferenz durch diesen Missklang erheblich getrübt wurde!

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AfeM-Jahrestagung 2013 – emergente Verschleierung

TransformationAm  4. und 5. Januar fand in Herrenberg bei Stuttgart, die AfeM-Jahrestagung 2013 statt. Zu den Referenten gehörten Befürworter klassischer Evangelisationen wie der ProChrist-Leiter, Pfarrer Ulrich Parzany (Kassel), und Vertreter der sogenannten (emergenten) Transformationstheologie, Prof. J. Reimer.

Der Vorsitzende des Arbeitskreises für evangelikale Missiologie (AfeM), Prof. Thomas Schirrmacher (Bonn), erklärte am Ende der Tagung, dass in der evangelikalen Bewegung Deutschlands kein grundsätzlicher Streit darüber vorhanden sei, ob Christen eher evangelisieren oder sich gegen gesellschaftliche Missstände wenden sollten. Es sei unbestritten, dass soziales Engagement ebenso zum christlichen Auftrag gehöre wie die Predigt des Evangeliums (Quelle).

Dieser Wahrnehmung bzw. Erklärung ist klar und eindeutig zu widersprechen. Es existiert sehr wohl grundsätzlicher Streit in der evangelikalen Bewegung über diese und ähnliche Fragen bzw. nachhaltiger und berechtigter Widerspruch. Es ist äußerst bedauerlich, dass eine öffentliche Diskussion mit Vertretern und Kritikern der emergenten Bewegung totgeschwiegen bzw. vermieden  und verschleiert wird.

Der bekannte und exponierte Vertreter der emergenten Bewegung Deutschlands, Prof. Johannes Reimers, behauptete im Rahmen dieser Tagung, die emergente Transformationstheologie wolle nicht die Gesellschaft verändern. Diese Aussage entspricht nachweislich nicht der Wahrheit.

Dr. Tobias Faix (persönliches Ziehkind Prof. Reimers) schreibt beispielsweise auf seiner Seite:

„Wenn wir von Transformation reden, dann gehen wir davon aus, dass der dreieinige Gott der Urheber allen Handelns ist und seine missio Dei (Gottes Mission/Sendung)das handelnde Subjekt in der Geschichte darstellt. Transformation beschreibt die verschiedenen Dimensionen dieses Handeln hier auf Erden, sei im persönlich-individuellen Bereich, im sozialen, politischen, kulturellen, ökologischen, theologischen oder sozio-strukturellen. Gott spricht durch sein Heilshandeln in diese Welt und verändert diese. Sein ganzheitliches Heil zeigt sich dabei in der Wiederherstellung von Beziehungen (in der Spannung von gegenwärtig & eschatologisch) und umfasst die ganze Schöpfung und den ganzen Menschen.In dieser Gemeinschaft der Christen wirkt Gottes heilende Kraft der Veränderung (durch den Heiligen Geist). Darin sehen wir die biblischen Botschaft, dass die versöhnende Kraft Christi eine zentrale Rolle für diese Welt spielt. Diese Botschaft soll für uns und unsere Lebenswelt nicht ohne Folgen bleiben. Da unser Leben in vielfacher Weise mit Anderen verwoben und vernetzt ist, gewinnt die heilende Versöhnung Christi in und durch uns eine lebendige Gestalt, die tatsächliche Veränderungen mit sich bringt. Bei aller „Schwerkraft“ des Alltags und allem „Gefallen“ sein, bricht die Herrlichkeit Gottes auf die unterschiedlichste Art und Weise durch und sucht und schafft Gerechtigkeit.“ Quelle

Und auch Prof. Reimer selbst schreibt entgegen seiner Behauptung anderes:

„Transformation steht zunächst von seiner lateinischen Ursprungsbedeutung für eine Übertragung des Inhalts aus einer Form in eine andere. Man kann Transformation auch als Umformung beschreiben. Wer transformieren will, der strebt einen Prozess der Neugestaltung und als Resultat eine Veränderung der Verhältnisse an. Der Begriff wird heute in allen Wissensbereichen für entsprechende Umformungsprozesse gebraucht.Seit mehreren Jahren wird das Wort Transformation auch verwendet, um spirituelle Veränderung zu beschreiben. So kann man von der Transformation des Bewusstseins reden, einer sehr persönlichen Umformung der geistlichen, seelischen und physischen Befindlichkeiten einer einzelnen Person. Oder es geht um gemeinsame Prozesse der Veränderung spiritueller Befindlichkeiten in der Gesellschaft. Seit Jahren ist der Begriff ein terminus technicus der esoterischen Szene. In der neuen Religiosität sucht man allem voran eine Bewusstseinserweiterung und damit so etwas wie eine Transformation des Bewusstseins. […] Wenn also die Kirche von ihrer Mission spricht, dann hört der Zeitgenosse nicht die Umgestaltung der Völker im Sinne dessen, was Jesus uns gelehrt hat. Aber genau das besagt doch der Missionsbefehl in Matthäus 28,18ff! Die Christen sollen in alle Welt gehen, die Völker taufen und sie lehren, alles zu halten, was Jesus sie gelehrt hat. Oder etwa nicht? Man hört heute weder etwas vom Reich Gottes noch von einem wie auch immer gearteten Anspruch Gottes auf alle Bereiche des Lebens in der Gesellschaft. Aber das ist doch letztendlich das Herzstück des Evangeliums, das Jesus gepredigt und seinen Jüngern anbefohlen hat zu predigen – ein Evangelium vom Reich!Quelle

Prof. J. Reimer behauptet in seinem Essay (Transformation- was ist gemeint?) also, es sei primäre Aufgabe der Gemeinde Reich Gottes zu bauen. Womit er jedoch nicht jene „Reichsgottesarbeit“ vergangener Tage meint, bei welcher man sich Gott mit seinem Leben zur Verfügung stellte bzw. Gott im Gebet bat „Dein Reich komme“, sondern eine aktive Umgestaltung dieser Welt in sozialer und gesellschaftspolitischer Hinsicht.

Hier hat man (Prof. Reimer und Dr. Faix stehen damit keinesfalls alleine) sich- offenbar aufgrund des Status quo dieser Welt (Armut, soziale Ungerechtigkeit etc.)- entschieden, nicht mehr mit der Bitte „Dein Reich komme“ zufrieden zu geben, sondern strebt inzwischen selbstbestimmt eine umfassende Umwandlung der Lebenswelt der Menschen in Gottes Formen und Vorstellungen an. Die Welt soll durch Mission unter die Herrschaft Gottes kommen.

Dazu ist ein neues Missionsverständnis notwendig. Unter Mission wird dann nicht mehr der schlichte und oft schwache Ruf der Gemeinde zur Buße, die inhaltliche Belehrung der Völker mit dem Wort Gottes und Taufe, sondern ein realer Herrschaftswechsel und damit ganzheitliche Veränderung des Lebensraumes in der Gesellschaft verstanden. So jedenfalls Prof. Reimer in einem diesbezüglichen Essay.

Bereits seit einigen Jahren, scheint es erforderlich zu sein, sich als Christ mit einigen neuen Begriffen vertraut zu machen. Begriffe deren Verwendung in der Gemeinde bzw. in einem geistlichen Kontext teils merkwürdig, teils vertraut und dennoch fremd anmuten. „Transformation“ und „missional“ sind zwei solcher Begriffe, welche man exemplarisch anführen und sich merken sollte.

Beide Begriffe sind thematisch eng mit

  • der Gemeinde
  • der Gesellschaft und
  • der emergenten Bewegung

verbunden und sollen bisher verwandte Begriffe ersetzen. Ginge es nun lediglich um die Verwendung alternativer Begrifflichkeiten, wäre es nicht weiter problematisch, jedoch werden auch die mit den Begriffen verbundenen Inhalte anders als hergebracht verstanden und verwandt.

Mission bzw. Transformation sind ganz eindeutig „emergente Schwerpunkte“. Prof. J. Reiner, emergenter Stichwortgeber und oft geladener Sprecher auf emergenten Konferenzen, erklärt in seinem zweiseitigen Essay kurz was er darunter verstanden wissen will:

„Wer also für den Austausch der guten alten Vorstellung von der Heiligung mit dem Begriff Transformation votiert, mag gute Gründe haben. Denn unter Transformation versteht unser Zeitgenosse eindeutig Umwandlung des Bewusstseins und des individuellen Lebenskonzeptes. […] Und wenn wir Mission als transformierende Wirklichkeit beschreiben, dann geben wir unseren Mitbürgern die Möglichkeit, zu verstehen, was gemeint ist.“

Der Begriff Transformation steht also Reimers bzw. dem emergenten Verständnis folgend, für den biblischen Begriff Heiligung. Wobei die Transformation das Ziel und Mission das Mittel darstellt. An dieser Stelle muss jedoch gefragt werden, was diesem Verständnis folgend unter „Heiligung“ zu verstehen ist? Prof. J. Reimer schreibt folgendes:

„Versteht man denn heute in der Gesellschaft noch was Heiligung, Mission und Evangelisation bedeutet? Oder werden diese Begriffe schnell auf ein volkstümliches Verständnis reduziert? Wenn individuelle Transformation Heiligung ist und Transformation eine Umwandlung unseres Denkens voraussetzt, wird dann auch unter Heiligung eine Heiligung der Gedanken verstanden? Mag sein. Ich habe jedenfalls selten Predigten über Heiligung gehört, die eine umfassende Umwandlung der Persönlichkeit des Menschen meinten. Doch in der Bibel bedeutet Heiligung genau das – den alten Menschen auszuziehen und den neuen anzuziehen (Kol. 3,3ff ). Leider hat der Begriff in der Geschichte der Christenheit eher den Beigeschmack einer von der Kirche verlangten Konformität erfahren.“

Reimer hat im Bezug auf die Heiligung also nicht allein die Gemeinde oder Gläubige, sondern Nichtgläubige bzw. die Gesellschaft im Blick. Die Schrift unterscheidet jedoch strikt zwischen Welt und der Gemeinde. Heiligung bedingt der Schrift folgend Rechtfertigung, wobei Rechtfertigung eine richterliche Handlung Gottes im Bezug auf die Stellung des Menschen (Freispruch von Strafe/Recht auf Leben) vom Ungläubigen zum Gläubigen und Heiligung ein Wirken Gottes am Gläubigen in Bezug auf Gewohnheiten und Taten ist. Beides Handlungen Gottes, wobei Heiligung ohne grundlegende Rechtfertigung nicht möglich ist.

Diese- man kann es nicht anders nennen- Selbst- und Neubeauftragung der Gemeinde geschieht also auf Grundlage einer Neu- bzw. Uminterpretation des Evangeliums mit der Folge, dass sich Gemeinden vollständig diesem Evangelium anpassen und verändern. Nicht mehr Christus und die zukünftige, himmlische Hoffnung steht im Zentrum dieses neuen Evangeliums, sondern der Mensch und eine irdische Hoffnung. Die Welt soll nicht bloß zur Buße aufgerufen werden, sondern gesellschaftlich verändert, die Gemeinde soll vor allem sozial aktiv und gesellschaftlich relevant sein.

Keine Frage, ein solches Evangelium besitzt Attraktivität. Man wird anders wahrgenommen wenn man nicht bloß lehrt und tauft, sondern sozial und gesellschaftlich aktiv ist. Die Gemeinde wird dann plötzlich als gesellschaftliche Bereicherung, nicht als verstörender Fremdkörper angesehen, wird eingeladen und hoffiert, nicht verlacht oder gar verfolgt, besitzt Relevanz. Gemeinden mit einem solchen Evangelium erkennt man äußerlich nicht sofort. Und der Prozess dorthin ist oft schleichend, das Vokabular so ähnlich, die Menschen nett und aktiv, die Gottesdienste oft interessant und mitreissend.

Für wen jedoch ist eine solche Gemeinde attraktiv oder relevant… Gott oder Menschen? Die Gemeinde: Braut Christi, oder Braut dieser Welt?

Das Reich Gottes ist in dieser Welt aktuell nur im Verborgenen erkennbar, in jedem Gläubigen, in der Gemeinde. Das Reich Gottes ist dort präsent, wo Gott herrscht, Sein Wille geschieht. In dieser Welt geschieht noch nicht der Wille Gottes. Diese Welt, die gesamte Schöpfung wartet vielmehr sehnsüchtig darauf, das es zukünftig offenbar wird. Die sichtbare Ankunft dieses Reiches steht also aus, kann von Menschen nicht betrieben werden weil das sichtbare Reich Gottes mit der sichtbaren Wiederkunft und Gegenwart des Herren dieses Reiches verbunden ist.

sdg
Andreas

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Welchen Auftrag hat die Gemeinde?

Vor kurzem wurde auf der Kanzel behauptet, die Gemeinde habe einen sozial-evangelistischen Auftrag. Auch andere Verlautbarungen der Gemeindeleitung („gesellschaftsrelevante Vision etc. weiterentwickeln„, ein geplantes Seminar mit Prof. J. Reimer „Gesellschaftsrelevanter Gemeindebau“ und Zusammenarbeit bei ProChrist) zeigt Tendenzen in eine solche Richtung auf. Ist das wirklich Auftrag der Gemeinde? Bis vor wenigen Jahrzehnten lautete die Antwort auf die Frage nach dem Auftrag der Gemeinde in evangelikalen Gemeinden anders:Auftrag der Gemeinde war:

  1. Gott zu ehren
  2. die Welt zu evangelisieren
  3. die Gemeinde zu bauen.

Heute wird diese Frage jedoch immer öfter anders beantwortet. Und dies nicht nur in einer anderen Gewichtung der Priorität, sondern grundsätzlich. Prof. J. Reimer behauptet in einem Essay (Transformation- was ist gemeint?), es sei primäre Aufgabe der Gemeinde Reich Gottes zu bauen. Womit jedoch nicht jene „Reichsgottesarbeit“ vergangener Tage gemeint ist, bei welcher man sich Gott mit seinem Leben zur Verfügung stellte bzw. Gott im Gebet bat „Dein Reich komme„, sondern eine aktive Umgestaltung dieser Welt in sozialer und gesellschaftspolitischer Hinsicht.

Man hat sich- offenbar aufgrund des Status quo dieser Welt (Armut, soziale Ungerechtigkeit etc.)- entschieden, nicht mehr mit der Bitte „Dein Reich komme“ zufrieden zu geben, sondern strebt inzwischen selbstbestimmt eine umfassende Umwandlung der Lebenswelt der Menschen in Gottes Formen und Vorstellungen an. Die Welt soll durch Mission unter die Herrschaft Gottes kommen.

Dazu ist ein neues Missionsverständnis notwendig. Unter Mission wird dann nicht mehr der schlichte und oft schwache Ruf der Gemeinde zur Buße, die inhaltliche Belehrung der Völker mit dem Wort Gottes und Taufe, sondern ein realer Herrschaftswechsel und damit ganzheitliche Veränderung des Lebensraumes in der Gesellschaft verstanden. So jedenfalls Prof. Reimer in einem diesbezüglichen Essay.

Bereits seit einigen Jahren, scheint es erforderlich zu sein, sich als Christ mit einigen neuen Begriffen vertraut zu machen. Begriffe deren Verwendung in der Gemeinde bzw. in einem geistlichen Kontext teils merkwürdig, teils vertraut und dennoch fremd anmuten. „Transformation“ und „Missional“ sind zwei solcher Begriffe, welche man exemplarisch anführen und sich merken sollte.

Beide Begriffe sind thematisch eng mit

  • der Gemeinde
  • der Gesellschaft und
  • der emergenten Bewegung

verbunden und sollen bisher verwandte Begriffe ersetzen. Ginge es nun lediglich um die Verwendung alternativer Begrifflichkeiten, wäre es nicht weiter problematisch, jedoch werden auch die mit den Begriffen verbundenen Inhalte anders als hergebracht verstanden und verwandt.“Emergent“ ist dabei ein zum Verständnis beitragender, entscheidender Begriff.

Ähnlich dem Begriff „charismatisch“, kennzeichnet „emergent“ keine verbindliche Organisation oder Zugehörigkeit zu einer Denomination, sondern beschreibt eher ein gewisses Verständnis, eine Haltung, zu bestimmten Fragen der Gesellschaft, Gemeinde oder der Schrift. Innerhalb dieser Strömung bzw. Bewegung existieren sowohl keine feste personale Struktur, Hierarchie oder Zugehörigkeit, eben sowenig wie lehrmäßige Verbindlichkeit oder Festlegung existiert.

Die geistliche Zugehörigkeit zur emergenten Bewegung ist in der Regel mehr an der Verwendung eines bestimmten Vokabulars, der thematischen Schwerpunkte und der Ausrichtung und persönlichen Verbindungen erkennbar.

Mission und Transformation sind ganz eindeutig „emergente Schwerpunkte“. Prof. J. Reiner, emergenter Stichwortgeber und oft geladene Sprecher auf emergenten Konferenzen, erklärt in einem zweiseitigen Essay kurz was er darunter verstanden wissen will:

„Wer also für den Austausch der guten alten Vorstellung von der Heiligung mit dem Begriff Transformation votiert, mag gute Gründe haben. Denn unter Transformation versteht unser Zeitgenosse eindeutig Umwandlung des Bewusstseins und des individuellen Lebenskonzeptes. […] Und wenn wir Mission als transformierende Wirklichkeit beschreiben, dann geben wir unseren Mitbürgern die Möglichkeit, zu verstehen, was gemeint ist.“

Der Begriff Transformation steht Reimer bzw. dem emergenten Verständnis folgend für den biblischen Begriff Heiligung. Wobei die Transformation das Ziel und Mission das Mittel darstellt. An dieser Stelle muss jedoch gefragt werden, was diesem Verständnis folgend unter „Heiligung“ zu verstehen ist? Prof. J. Reimer schreibt folgendes:

„Versteht man denn heute in der Gesellschaft noch was Heiligung, Mission und Evangelisation bedeutet? Oder werden diese Begriffe schnell auf ein volkstümliches Verständnis reduziert? Wenn individuelle Transformation Heiligung ist und Transformation eine Umwandlung unseres Denkens voraussetzt, wird dann auch unter Heiligung eine Heiligung der Gedanken verstanden? Mag sein. Ich habe jedenfalls selten Predigten über Heiligung gehört, die eine umfassende Umwandlung der Persönlichkeit des Menschen meinten. Doch in der Bibel bedeutet Heiligung genau das – den alten Menschen auszuziehen und den neuen anzuziehen (Kol. 3,3ff ). Leider hat der Begriff in der Geschichte der Christenheit eher den Beigeschmack einer von der Kirche verlangten Konformität erfahren.“

Reimer hat im Bezug auf die Heiligung also nicht allein die Gemeinde oder Gläubige, sondern Nichtgläubige bzw. die Gesellschaft im Blick. Die Schrift unterscheidet jedoch strikt zwischen Welt und der Gemeinde. Heiligung bedingt der Schrift folgend Rechtfertigung, wobei Rechtfertigung eine richterliche Handlung Gottes im Bezug auf die Stellung des Menschen (Freispruch von Strafe/Recht auf Leben) vom Ungläubigen zum Gläubigen und Heiligung ein Wirken Gottes am Gläubigen in Bezug auf Gewohnheiten und Taten ist. Beides Handlungen Gottes, wobei Heiligung ohne grundlegende Rechtfertigung nicht möglich ist.

Diese- man kann es nicht anders nennen- Selbst- und Neubeauftragung der Gemeinde geschieht also auf Grundlage einer Neu- bzw. Uminterpretation des Evangeliums mit der Folge, dass sich Gemeinden vollständig diesem Evangelium anpassen und verändern. Nicht mehr Christus und die zukünftige, himmlische Hoffnung steht im Zentrum dieses neuen Evangeliums, sondern der Mensch und eine irdische Hoffnung. Die Welt soll nicht bloß zur Buße aufgerufen werden, sondern gesellschaftlich verändert, die Gemeinde soll vor allem sozial aktiv und gesellschaftlich relevant sein.

Keine Frage, ein solches Evangelium besitzt Attraktivität. Man wird anders wahrgenommen wenn man nicht bloß lehrt und tauft, sondern sozial und gesellschaftlich aktiv ist. Die Gemeinde wird dann plötzlich als gesellschaftliche Bereicherung, nicht als verstörender Fremdkörper angesehen, wird eingeladen und hoffiert, nicht verlacht oder gar verfolgt, besitzt Relevanz. Gemeinden mit einem solchen Evangelium erkennt man äußerlich nicht sofort. Und der Prozess dorthin ist oft schleichend, das Vokabular so ähnlich, die Menschen nett und aktiv, die Gottesdienste oft interessant und mitreissend.

Für wen jedoch ist eine solche Gemeinde attraktiv oder relevant… Gott oder Menschen? Die Gemeinde: Braut Christi, oder Braut dieser Welt?

Das Reich Gottes ist in dieser Welt aktuell nur im Verborgenen erkennbar, in jedem Gläubigen, in der Gemeinde. Das Reich Gottes ist dort präsent, wo Gott  herrscht, Sein Wille geschieht. In dieser Welt geschieht noch nicht der Wille Gottes. Diese Welt, die gesamte Schöpfung wartet vielmehr sehnsüchtig darauf, das es zukünftig offenbar wird. Die sichtbare Ankunft dieses Reiches steht also aus, kann von Menschen nicht betrieben werden weil das sichtbare Reich Gottes mit der sichtbaren Wiederkunft und Gegenwart des Herren dieses Reiches verbunden ist.

sdg
apologet

Sind Sie ein Evangelikaler?

Die Frage wer oder was ein „Evangelikaler“ ist, kann und wird immer wieder unter den verschiedensten Blickwinkeln diskutiert. Dabei steht zum einen das „Damoklesschwert“ der Fundalismus-Debatte, andererseits nicht selten das eigene Selbstverständnis, die persönliche Biographie zur Diskussion. Neben spezifisch evangelikalen Gemeinden gibt es viele Mitglieder von Landeskirchen die in ihren jeweiligen Kirchen eingebunden sind, die sich aber genauso der “allgemeinen evangelikalen Bewegung” zugehörig fühlen.

Lehrmäßig sind

  • die Betonung der Inspiration der Heiligen Schrift
  • persönliche Glaubenserfahrungen
  • vor allem aber das Konzept der Bekehrung bzw. Wiedergeburt kennzeichnend.

In einem Zitat von Francis Beckwith, Präsident der Evangelical Theological Society, wird die enorme Bandbreite des Begriffes „evangelikal“ deutlich:

Put in terms of specific traditions, if the term ‘Evangelical’ is broad enough to include high-church Anglicans, low-church anti-creedal Baptists, Presbyterians, Methodists, the Evangelical Free Church, Arminians, Calvinists, Disciples of Christ, Pentecostals, Seventh-Day Adventist, open theists, atemporal theists, social Trinitarians, substantial Trinitarians, nominalists, realists, eternal security supporters and opponents, temporal theists, dispensationalists, theonnmists, church-state separationists, church-state accomodationists, cessationists, non-cessationists, kenotic theorists, covenant theologians, paedo-Baptists, Anabaptists, and Dooyeweerdians, then there should be room for an Evangelical Catholic. Return to Rome, S.128 (Quelle:TheoBlog)

Der kleinste gemeinsame Nenner bzw. äußerst interpretationsfähige Formulierungen… sind Grundlage der meisten evangelikalen Bewegungen, Freikirchen oder Personen. Verbindliche Festlegungen dessen, was man ohne Zweifel glaubt oder verwirft, gibt es nur in Ausnahmefällen. Ein solcher Minimalkonsens ist jedoch inakzeptabel. Er bedeutet alles und nichts. Formal beruft man sich zwar beispielsweise auf die Reformation, die fünf Soli, auf die altkirchlichen Bekenntnisse, oder die Gottheit Christi, aber die jeweilige Interpretation fällt so unterschiedlich aus, das neuerdings sogar die mormonische Christologie akzeptabel erscheint (nachzulesen bei DistomosBlog).

David Wells, Professor für historische und systematische Theologie am Gordon-Conwell Theological Seminary, teilt den Evangelikalismus und seine Entwicklung in drei Hauptströme ein:

  1. den „klassischen Evangelikalismus“
  2. die „Vermarkter“
  3. die „Emergenten“

Vergleicht man die Glaubensüberzeugungen dieser drei Strömungen, läßt sich eine fortgesetzte Bezugnahme auf die Reformatoren, insbesondere bei den letzten beiden Strömungen nicht durchhalten. Die jeweiligen Schrift- bzw. Kirchenverständnisse weichen in erheblichem Maße voneinander ab. Wells stellt in seinem Buch „The Courage to be Protestant“ deshalb provokant die Frage: Sind sie ein Evangelikaler?

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Wells kommt zu dem Schluss, dass der Evangelikalismus keiner guten Zukunft entgegen geht, wenn er nicht zu den Grundlagen der Reformation zurückkehrt und an den solas (alleine) der Reformation festhält: „Alleine in der Schrift ist Gottes autoritative Wahrheit zu finden, in Christus alleine ist das Heil, und es ist alleine aufgrund der Gnade, dass wir errettet werden; und diese Errettung empfangen wir durch den Glauben allein.“ (Quelle:DistomosBlog)

Da ich selber einen evangelikalen Hintergrund habe, bis heute in eine evangelikale Gemeinde gehe, bedauere ich diese Entwicklung. Auch sehe ich die geistlich-theologischen Wurzeln des Evangelikalismus zum größten Teil eher in der Radikalreformation. Von dieser ausgehend, über den Pietismus und nicht in der Reformation. Luther oder Calvin würden bereits das „Sola Scritura“ Verständnis weiter Teile des Evangelikalismus definitiv als nichtreformatorisch beurteilen.

Die Glaubensbasis der EAD oder anderer formulierter evangelikaler Glaubensgrundlagen sind zumeist defizitär bzw. sehr interpretationsfähig. Ganz im Gegenteil zu den reformatorischen Bekenntnissen, die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Sowohl hinsichtlich dessen was zu glauben, als auch abzulehnen ist.

Unbestritten gibt es vor allem in den Landeskirchen diverse klassische Evangelikale, allerdings stehen diese mit den für sie verbindlichen Bekenntnissen im Widerspruch. Ein bekenntnisorientierter reformierter Christ kann m.E. daher kein Evangelikaler sein.

sdg
apologet

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TheGospelCoalition (D.A. Carson): Evangelicalism

"Ganzheitliche Versöhnung", oder Versöhnung mit Gott?

Fairneß und Differenzierung – beides tut Not… sowohl in die eine, wie auch andere Richtung. Dabei steht jedoch die Notwendigkeit sachbezogener Kritik grundsätzlich außer Frage. Und genau darum soll und muß es gehen. Wobei – ohne Zweifel – insbesondere bei Kritik an geistlichen Entwicklungen, die Abgrenzung zwischen Person und Sache an sich, nicht immer einfach einzuhalten ist. Das eigene Selbstverständnis, die Identität ist und bleibt mit der Glaubensüberzeugung aufs engste verbunden. Weiterlesen „"Ganzheitliche Versöhnung", oder Versöhnung mit Gott?“