Die schlichte Predigt

Besucht man Gemeinden und Kirchen, findet man vielerorts eine breite Pallette von Gestaltungselementen und Liturgien an. Auch das gesprochene Wort – die „Predigt“ – kommt nicht zu kurz. Jedoch ersetzen Anspiele, Bildmeditationen, Gespräche, Lieder, Tänze, Pantomimen und anderes immer mehr die schlichte Predigt von der Kanzel. Findet diese dennoch statt, fühlt man sich jedoch oft an psychologische Vorträge oder Motivationsseminare erinnert.

Predigten mit einem „Motto“ oder „Thema„, welche  mehr oder weniger die vorgefasste Meinung des Predigers, in der Verbindung mit vielen Zitaten aus der Schrift wiedergeben. Die klassische Auslegungspredigt (Homilie) trifft man selten an.

Das Wort der Predigt beansprucht Autorität. Predigt – recht verstanden (und recht gehalten!) – ist nicht einfach ein Sonntag für Sonntag wiederkehrendes Ereignis, bei dem ein Mensch seine Mitmenschen über seine persönlichen religiösen Einsichten informiert. Predigt als Proklamation des Wortes Gottes hat eine ganz andere geistliche bzw. theologische Dimension. Der Prediger ist Haushalter, dem die Verwaltung der in der Heiligen Schrift (angesichts ihrer Inspiration) vorgegebenen Offenbarung Gottes anvertraut ist. Er weiß um den Auftrag:»Wenn jemand redet, dass er’s rede als Gottes Wort!« (1Petr4,10f; vgl. Apg6,2.7; 13,46; Hebr13,7). Sein Leitwort muß sein:»Predige das Wort!« Sein Anliegen ist es, die Gemeinde in das Wort Gottes hineinzuführen. Seine Freude ist es, wenn die Hörer ihre Bibeln mitbringen und aufmerksam verfolgen, wie ihnen erkenntnis- und lebensmäßig der Text erschloßen wird. Insofern die Predigt dem biblischen Wort entspricht, ist sie Gottes eigenes Wort an die Gemeinde. Der Schweizer Reformator Heinrich Bullinger hat das im Zweiten Helvetischen Bekenntnis auf die präzise Formel gebracht:»praedicatio verbi divini est verbum divinum«, das heißt:»Die Predigt des göttlichen Wortes ist Gottes Wort Helge Stadelmann, „Evangelikale Prediglehre“, Seite 65 u. 65

In dieser Verantwortung steht das Verkündigungs- und Lehramt, von dem Calvin meiner Meinung nach mit recht lehrt, daß sich in diesem der Prophetendienst fortsetzt. In der Predigt und den Sakramenten der Taufe und des Abendmahls begegnet der Mensch Christus, konstituiert sich die Kirche Christi.

Es wird auch gelehrt, daß allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muß, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, daß das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. Und es ist nicht zur wahren Einheit der christlichen Kirche nötig, daß überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden, wie Paulus sagt:»Ein Leib und ein Geist, wie ihr berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe« (Eph 4,4.5). Confessio Augustana Artikel 7, von der Kirche.

In diesem Sinne ist nicht egal wer predigt. Der Lehrdienst steht in nicht trennbarer Verbindung mit Ältestenschaft (Bsp.: Eph4,11ff Hirten und Lehrer werden explizit zusammen genannt). Die Gemeinde ist dagegen gefordert die Verkündigung am Wort zu prüfen.

Es muss hier der Satz gewagt werden, dass die Schrift wesentlich dem Predigtamt zugehört, der Gemeinde aber die Predigt. Die Schrift will ausgelegt und gepredigt sein. Sie ist ihrem Wesen nach nicht ein Erbauungsbuch der Gemeinde. Der ausgelegte Predigttext gehört der Gemeinde und von ihm aus gibt es ein:»Suchen in der Schrift, ob es sich also verhält«, (Akta 17) wie die Predigt es verkündigt hat, gibt es also im Grenzfall die Notwendigkeit des Widerspruchs gegen die Predigt aufgrund der Heiligen Schrift. D. Bonhoeffer

Es bleibt zu hoffen das sich die Gemeinden und Prediger zurück auf ihre Verantwortung besinnen und das Wort Gottes, Christus zurück in den Mittelpunkt der Predigt stellen.

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Auslegungspredigt

Die Erwartungshaltung an eine Predigt fällt – wie sollte es anders sein – höchst unterschiedlich aus. Seit über dreißig Jahren höre ich regelmäßig, mindestens eine Predigt in der Woche. Darunter gab es rhetorisch brillante Predigten und erwartungsgemäß auch das Gegenteil. Nur in Ausnahmefällen gehörten Auslegungspredigten dazu. Seit nun über einem Jahr höre ich fast ausschließlich Auslegungspredigten und kann mir nichts anderes mehr vorstellen. Ein paar wenige Gedanken dazu warum… Weiterlesen „Auslegungspredigt“

Evangelikale Gemeindemodelle und deren Evangelisationverständnisse

Mark Dever skizziert in seinem Buch, „9 Merkmale einer gesunden Gemeinde“ einleitend moderne, evangelikale Gemeindemodelle und deren Evangelisationverständnisse.  Ausgehend von der reformatorisch bzw. biblischen Erkenntnis “Wo auch immer wir das Wort Gottes unverfälscht gepredigt und gehört, die Sakramente gemäß der Einsetzung Christi ausgerichtet sehen, dürfen wir nicht zweifeln, dass dort eine Kirche Gottes existiert.” (Johannes Calvin, Institutio, Buch IV.1.9.) versucht er von diesen, 9 biblische Merkmale abzuleiten.

Mark Dever formuliert die Zielrichtung seines Buches wie folgt:

Dieses Buch stellt dar, wie man die biblische Predigt und Gemeindeleitung wiederentdecken kann in einer Zeit, in der allzu viele Gemeinden in einem rein äußerlichen und oberflächlichen Christentum und dem daraus folgenden Pragmatismus sowie Belanglosigkeiten stecken bleiben. Das Ziel vieler evangelikaler Gemeinden hat sich verschoben, nämlich weg von der Verherrlichung Gottes hin zu einem reinen zahlenmäßigen Wachstum – mit der Annahme, dass dieses Ziel, auf welchem Weg auch immer es erreicht wird – Gott verherrlichen muss. Mark Dever

Er unterscheidet evangelikalen Gemeinde in drei Typen, die unabhängig von anderen Unterscheidungsmerkmalen erkennbar werden:

Moderne evangelikale Gemeindemodelle und deren Evangelisationverständnis

  • liberal
    F.D.E. Schleiermacher -> Evangeliumsvermittlung durch Anpassung an den Zeitgeist (soziale Dienste)
  • besucherfreundlich
    Bill Hybels -> Evangeliumsvermittlung durch Anpassung an die Bedürfnisse (Musik)
  • traditionell
    Billy Graham -> Evangeliumsvermittlung durch Anpassung der Methodik (Programme)

Gemeinsamkeit und Schlüsselindiz  -> Relevanz und Resonanz

Diesen Gemeindetypen versucht Dever ein biblisches Gegenmodell gegenüber zu stellen:

Das biblische Gemeindemodell und dessen Evangelisationverständnis

  • biblisch
    Evangeliumsvermittlung ohne Anpassung an die Kultur, sondern Abhebung und Unterscheidung (Predigt des Evangeliums)

Schlüsselindikator -> kein sichtbarer Erfolg, sondern Treue:

  1. Auslegungspredigt
  2. Biblische Theologie
  3. Evangelium
  4. Belehrung
  5. Evangelisation
  6. Gemeindemitgliedschaft
  7. Gemeindezucht
  8. Geistliches Wachstum
  9. Biblische Gemeindeleitung

Wenn auch die beiden – eingangs genannten – Kirche konstituierenden Elemente: Predigt und Sakramente formal in allen Kirchen vorhanden sind, fehlen nach Aussage Dever’s  in vielen Gemeinden, egal ob liberal, besucherfreundlich oder traditionell jeweils einige oder sogar alle vorgenannten Eigenschaften.

Wenn es das Ziel der Gemeinde ist, zu wachsen, dann erreicht man das dadurch, dass man es den Leuten gemütlich macht. Und wenn die Menschen dann entdecken, dass es noch andere Wege gibt, auf die man es gemütlich haben kann, dann verlassen sie die Gemeinde, die man dann nicht mehr braucht. Die relevante Kirche sät so den Samen ihrer eigenen Irrelevanz und gibt obendrein noch ihre Identität preis. Heute ist die große Frage die, wie man die geburtenstarken Jahrgänge zurück in die Gemeinden holt und welche Techniken und Methoden hier Wunder wirken werden. Es werden Umfragen darüber gemacht, was die baby boomers wollen, und die Gemeinden wettstreiten miteinander, ihnen genau das zu geben. Carl S. Braaten, „The Gospel for a Neopagan Cultur“

Ein unbedingt lesenswertes Buch, welches grundlegende biblische Prinzipien herausarbeitet, auf Gefahren und Probleme hinweist, dabei jedoch weder den Anspruch erhebt, noch erfüllt, eine umfängliche ekklesiologische Abhandlung zu bieten.

sdg
apologet

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