Canon fidei versus canon charitatis?

Dr. Markus Till hat einen Artikel mit dem Titel „Vom Pferd gefallen“ geschrieben. In diesem geht es ihm um „die Kunst, Fehlentwicklungen offen anzusprechen und sich zugleich ein weites Herz zu bewahren“. Ich möchte ihm sehr gerne antworten und meine Gedanken zum Thema und seinem Artikel niederschreiben.
Es ist ein gutes, ein wichtiges Thema! Ein Thema das die Christenheit seit Jahrtausenden begleitet. Denn das Eintreten für bzw. die Verteidigung des Evangeliums ist Kernauftrag der Kirche. Wichtig, weil die Schrift dies fordert. Ebenso darf eins darüberhinaus jedoch nicht vergessen werden, weil uns die Schrift ebenso dazu auffordert: die Liebe untereinander.

Canon fidei versus canon charitatis?

Luther empfahl deswegen im Zweifelsfall den „Maßstab der Liebe“ anzulegen – dem „canon charitatis“ zu folgen und das Christsein des andern anzunehmen. Das letzte Urteil über den „Maßstab des Glaubens“ des Herzens kommt Gott allein zu; Gott sieht das Herz an.

Dennoch aber müssen wir uns, was unsere Verantwortung für die lehrmäßige Entfaltung der christlichen Wahrheit betrifft, um höchstmögliche Klarheit und Deutlichkeit bemühen. „Es ist Sache der Liebe“, sagt Luther, „alles zu ertragen [1Kor 13,7] und allen zu weichen. Dagegen ist es Sache [der öffentlichen Lehre] des Glaubens, schlechthin nichts zu ertragen und keinem zu weichen.“ Das ist der sogenannte canon fidei.

Ich beurteile diese Regel nicht nur als nützlich, sondern als eindeutig biblisch geboten. Der canon charitatis für das Urteil über den Bruder, der canon fidei für die Beurteilung der Lehre.
Gleich zu Beginn, als Hinführung und „warm up“ sozusagen, schreibt Dr. Markus Till von einem, ihn schockierenden Buch über die Verfolgung der Täuferbewegung im 16. und 17. Jahrhundert und sein Entsetzen, wie bspw. Martin Luther solch, aus unserer Perspektive natürlich entsetzlichen Vorgänge unterstützen konnte. Nun könnte man, dem angeführten Link argumentativ folgen und Luther insofern in Schutz nehmen, als das dieser wohl unter dem Einfluss Melanchthons so gehandelt hat. Aber das wäre genauso zu kurz gesprungen, wie diese Anekdote grundsätzlich als „warm up“ zu nutzen. So werden emotionale Weichen gestellt, nicht jedoch sachlich Argumente vorbereitet.

Das Bild vom Pferd oder tertium non datur

Kommen wir zum Bild: Dem Pferd, von dem man von zwei Seiten fallen kann. Ja, man kann und mag dieses Bild  durchaus verwenden, wenn tatsächlich nur zwei Seiten existieren. Ansonsten ist es logisch schlicht irrig, ein Denkfehler: tertium non datur, wörtlich „ein Drittes ist nicht gegeben“ oder „ein Drittes gibt es nicht“.
Wir haben es bei der hier behandelten Frage eben nicht mit dem sprichwörtlichen Pferd zu tun, bei dem es neben der Einheit auf Kosten der Wahrheit und den falschen Mauern aus menschlicher Erkenntnis keine weiteren Aspekte gibt. Denn wie uns Luther oben lehrt, sind lehrmäßig feste, hohe Mauern und weite Herzen eben kein Widerspruch, sondern existieren parallel.
Ein paar weitere grundsätzliche Gedanken: Mit Sprache, d. h. bestimmten Begriffen (Trigger) oder Formulierungen, kann ebenso wie mit Emotionen (s. o.) von der eigentlichen Sache ablenken. Wenn Paulus z.B. unterstellt wird, dieser sei „flexibel bei bestimmten Fragen“ oder „bereit sich kulturell vollständig anzupassen“ mag man das vielleicht als flapsige Ausdrucksweise abtun, aber das würde das damit verbundene Problem nicht angemessen beschreiben.
Denn Paulus war lehrmäßig keineswegs flexibel. Dies würde ja implizieren, Gott selbst habe sich nicht festgelegt. Es gibt auch keinen „Graubereich“ in den meisten darunter subsumierten Fragestellungen. Nur Unkenntnis. Im Zweifelsfall auf allen Seiten. Im Bezug auf das Götzenfleisch bedeutet dies, im Hinblick auf die hier diskutierte Fragestellung, dass lehrmäßig (canon fidei) klar und unmissverständlich der Verzehr erlaubt gewesen ist (heute stellt sich diese Frage regelmäßig nicht mehr). Das ist ein universelles
Dogma ohne Hintertür! Im Umgang mit den (lehrmäßig oder anderweitig) schwachen Geschwistern jedoch, dass man sich des Verzehrs vor den Geschwistern davon enthielt und diese Schwäche in Liebe solange ertrug (canon charitatis).
Paulus hat sich auch in keiner Weise „kulturell angepasst“. Bei „kultureller Anpassung“ denkt man sofort auch an die emergenten Konzepte „missional“ und „Transformation“. Nein, Paulus hat als Jude noch viele Kultvorschriften, die dem Gesetz nach gefordert waren, unter Juden gehalten, unter Heiden jedoch, weil das Gesetz in Christus erfüllt wurde, jedoch nicht gehalten. Dies mag oberflächlich betrachtet als Anpassung erscheinen, ist dem biblischen Kontext folgend jedoch Rücksichtnahme auf Geschwister auf Grundlage seiner Freiheit als Gläubiger in Christus.

Die 1-Million-Euro-Frage ist zu „billig“

Die Pferd-Frage haben wir bereits betrachtet. Kann man also die „1-Million-Euro-Frage“ stellen? Ich meine, man kann nicht! Und schon gar nicht so defizitär auf Christus und die Schrift begrenzt. Da ist, wer immerhin die reformatorischen Soli als Grenze anerkennt, ja bereits richtig eng!
Ein kluger Mann, den auch Dr. Till zitiert, hat zur Einheit der Kirche folgendes gesagt:
„Ich bin mir ganz sicher, daß wir die Einheit am besten fördern, wenn wir die Wahrheit fördern. Es wird uns nichts nützen, wenn wir alle vereint sind, indem sich jeder unter die Irrtümer des anderen beugt. Wir sollten einander in Christus lieben; aber wir sollten nicht so vereinigt sein, daß wir außerstande sind, die Fehler des anderen und besonders die eigenen Fehler zu erkennen. Nein, reinigt das Haus Gottes, und dann werden herrliche, gesegnete Zeiten über uns anbrechen.“
C.H. Spurgeon
Das heißt: um Wahrheit muss, trotz und gerade auch um der eigenen Fehler willen, gerungen werden! Keine Flexibilität oder Lehrweite… Dafür lässt auch Spurgeon nicht vereinnahmen.

Anmerkungen zu den Prinzipien für die Prüfung von Lehren und Bewegungen

zu 1. Niemals Fehlerfreiheit erwarten!
Richtig, kein einzelner Gläubiger hat eine vollkommen richtige und ausgewogene Theologie. Und die Ermahnung des Paulus (Röm.12,16) ist da vollkommen zu recht angeführt. Allerdings kennt die Schrift nicht nur den einfachen Gläubige, sondern zunächst auch noch lehrbefähigte Gläubige d. h. Lehrer/Älteste und zudem die Kirche als solches. Von Lehrern kann man bspw. durchaus erwarten mehr zu wissen. Deswegen warnt die Schrift davor, zu schnell als Lehrer aufzutreten (Jak.3,1). bzw. zu schnell die Hände aufzulegen . Des Weiteren erwartet die Schrift sehr wohl, dass das einmal überlieferte Evangelium gekannt, gelehrt und verteidigt wird.

Historischen Irrlehren wurde oft auf Kozilien und Synoden allgemein und verbindlich für die ganze Kirche widersprochen. Die altkirchlichen Bekenntnisse zeugen davon.
Daher weiterhin ja zum canon charitatis, der Annahme des Christseins des Anderen, jedoch nein zur lehrmäßigen Weite bei der Beurteilung der Lehre anderer Christen! Und Paulus sagt eben nicht in diesem Kontext „gelassen“:„Prüft alles und behaltet das Gute“ (1.Thess.5,21). Dies sagt er im Kontext (!) einer Ortsgemeinde und dort bezogen auf Weissagungen (egal wie man diese nun definiert).
zu 2. Hochmut und Geistlosigkeit tötet
Wer sich im Dienst der Unterscheidung betätigen will braucht dazu ohne Zweifel den Heiligen Geist. Allerdings- wieder unabhängig wie man zu der charismatischen Position duesbezüglich steht- hat sich der Heilige Geist dazu herabgelassen, sich in schriftlich verfassten Texten nachprüf- und verifizierbar zu äußern. Wer hier lieb- und geistlose Buchstabenwahrheit bzw. ein tödliches Prinzip (2.Kor.3,6) anmahnt, sollte die jeweiligen Texte angemessen auslegen. Denn in 2.Kor3:6 wird der Buchstabe keineswegs als tot bezeichnet sondern als jemand der tötet! Hier steht ein aktives Partizip und beschreibt ein aktives handeln des Buchstabens. Das ist der Unterschied zwischen einem Mörder und einer Leiche. Die Leiche ist passiv weil sie tot ist, der Mörder ist aktiv weil er jemanden getötet hat. Unser Buchstabe hier ist der Mörder und nicht die Leiche! In 2 Kor. 3 steht also nichts anders als in Hebr. 4,12:
Hebr4:12Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Klärung bringt also das Suchen und Forschen in der durch den Heiligen Geist verfassten Schrift (Apg17:11) und nicht nur ein nebulöses „brauchen“ des Geistes!
zu 3. Durchgängigkeit des biblischen Zeugnisses
Kontext! Kontext! Kontext! Mit der Beachtung dieses Prinzips lassen sich die schlimmsten Fehler bereits vermeiden. Auch die Frage nach der Rolle der Frau beim Predigen und Leiten. Auch hier geht es- wie bei der Frage der Homosexualität- eben nicht lediglich um unterschiedliche Akzente, die man setzten und flexibel sein kann, sondern um biblische Wahrheit die wichtig ist und beachtet werden will. Entweder ja oder nein, kein nebeneinander von verschiedenen Wahrheiten.
zu 4. Verwurzelung in Tradition und Bekenntnis
Absolut einer Meinung. Die Wichtigkeit von Bekenntnissen kann gar nicht genug betont werden. In Bekenntnissen wird Christus vor Gott und den Menschen bekannt und darüber hinaus Rechenschaft über den Inhalt des Glaubens abgelegt. Desweiteren stellen Bekenntnisse eine verbindliche Grenze zum Schutz gegenüber nicht-biblischen Lehren und Praktiken nach innen dar und vertreten die überlieferte Wahrheit aktiv nach außen. Nicht zuletzt vermitteln Bekenntnisse Kindern und Erwachsenen die wesentlichen Inhalte des biblisch-christlichen Glaubens und helfen dabei bei eines Sinnes zu sein und echte biblische Einheit zu leben.
zu 5. Das Kriterium der Frucht
Im Prinzip vertrete ich eine ähnliche Meinung. Aber man kann sehen, dass dieses Prinzip interpretationsfähig ist. Denn die Frucht der Pfingstbewegung bewerte ich, mit vielen anderen, nicht eben positiv. Ebenso die Frucht der „Berliner Erklärung“. Auch diese wird wohl nach wie vor unterschiedlich bewertet. Die Auffassung Menschen seinen aufgrund dieser Erklärung für immer verloren gegangen bzw. der daraus resultierenden tiefen Spaltung der Kirche ist, freundlich ausgedrückt, höchst befremdlich. Hat also Christus Menschen verloren, die ihm der Vater gegeben hat?
zu 6. Statt Richten lieber öfter mal die Klappe halten
Auch hier gilt wieder: Kontext! Kontext! Kontext!
Wenn Christus in Mt 7:1ff von „richten“ spricht, dann ist damit nicht das Beurteilen der Glaubensüberzeugungen anderer Menschen gemeint, sondern deren Verhalten. Jesus selbst hat ja ständig die Lehren der Sadduzäer und Pharisäer gerichtet bzw. verurteilt.
Anbei eine kleine Liste von Stellen, in denen das urteilen/richten von Lehre ausdrücklich gefordert wird: Kol 2:8; Gal 1:6; 1 Joh 2:22; 2 Joh 1; 1 Kor 15:12; Apg 20:29; 2 Kor 11:13; 1 Joh 4:1; 1 Tim 4:16.
Es kann also weniger darum gehen, die Klappe zu halten, sondern sich vielmehr darum, sich mit dem Wort Gottes zu beschäftigen um eine Lehre beurteilen zu können. Dann darf und soll man auch seine Klappe aufmachen, weil dann nämlich Gott selbst Richter ist und man nicht seine Gefühle oder den Irrtum „Weite“ herrschen lässt.

Anmerkungen zu Vorsicht Falle: 6 fragwürdige Prüfungskriterien

zu 1. Formen:
Zu kurz gesprungen und Strohmänner gebastelt. Niemand der Schlagzeug, Band oder moderne Lobpreismusik ablehnt, tut dies regelmäßig aus den genannten Gründen (Dämonen). Insofern ist hier die Argumentation- auch in dem abwertend konstruierten Zusammenhang zwischen alten Chorälen und schrumpfenden Gemeinden fragwürdig. Da hier kein Raum für eine breite Diskussion zu diesem Thema ist nur soviel: Der Inhalt hat die Form zu bestimmen. Mir scheint, hier von Gottesstrafen zu fabulieren im höchstem Maße vermessen!
zu 2. Gefühle 
Gott ist der Schöpfer menschlicher Emotionalität, wer bezweifelt dies. Aber auch hier gilt nur kurz angemerkt: der Inhalt hat die Form- hier die Emotionalität- zu bestimmen. Dies wird sich bspw. kulturell unterschiedlich äußern. Wenn jedoch in deutschen Gottesdiensten afrikanische Emotionalität gefördert wird, darf dies zu recht in Frage gestellt werden. Der Vorwurf des „verkopften Christentums“ müsste ausgeführt werden. Interessant jedoch, das ausgerechnet diese Kritik auch von J. Hartl geteilt wird.
zu 3. Überinterpretierte Einzelzitate: 
Kontext! Kontext! Kontext!
zu 4. Falscher Beifall: 
Man sollte niemanden verurteilen, weil er mal einen Irrlehrer zitiert hat oder von zweifelhaften Leuten Beifall bekommen hat. Aber wenn die Schrift fordert, uns vor der Gemeinschaft mit Irrlehrern zu enthalten, im Zweifelsfall nicht einmal zu grüßen (2.Joh 7-11), sollte man zweifelhafte Personen lieber nicht, oder nur gekennzeichnet zitieren.
zu 5. Unterschiedliche Begriffsfüllung: 
Auch wenn man die eigene Blase, um wirklich zu verstehen, wie Andere ticken und wie ihre Äußerungen gemeint sind, nicht unbedingt verlassen muss, sollte man die andere Blase zumindest gut kennen. Denn Kommunikation ist tatsächlich eine schwierige Sache. Aus eben diesem Grund verwendet Paulus bspw. den Begriff „anderer Christus“. Oftmals gleicher Name, aber vollkommen andere Person dahinter.
zu 6. Unterstellungen und Einseitigkeit: 
In der Tat ein Problem. Man sollte niemals vorschnell urteilen, sondern nur aufgrund eingehender Prüfung und Beschäftigung. Vor allem immer bei der Sache bleiben, nicht persönlich werden. Ansonsten immer auch die direkte Auseinandersetzung suchen, zumindest Artikel, Bücher oder ausführliche Rezensionen gelesen haben.

Zurück zum Pferdebild: In den Sattel steigen heißt leider oft auch auf anderes zeigen

Richtig und wichtig ist in der Tat, dass man bei jeder Diskussion immer auch die Bereitschaft mitbringen sollte, seine eigene Position zu hinterfragen. Genauso unbequem ist es jedoch, die Position eines anderen zu hinterfragen, da dies selten gern gesehen und man schnell als Ankläger und Nestbeschmutzer angesehen wird.
Daher am Ende auch nochmal in aller Deutlichkeit: Es gibt kein entweder oder, kein Wahrheit oder Liebe, sondern beides gleichzeitig. Man kann weder das eine gegen das andere ausspielen, noch wäre eines wichtiger als das andere.
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Social Media und unsere Verantwortung

Ist man als Blogger oder Poster bei Facebook, Twitter etc. grundsätzlich „Lehrer„?

Auf ChristianityToday stellt John Dyer (hier) eine solche These auf:

What few of us realize is that when we press those „Publish,“ „Post,“ „Comment,“ and „Send“ buttons, we are making the shift away from merely „believing“ truth and stepping into the arena of publishing that belief. In doing so we are effectively assuming a position of leadership and teaching that prior to 2004 was not available to us.

Begibt sich damit jeder Blogger, jeder, der bspw. etwas auf Facebook postet in diese „Arena„, oder bedeutet dies nicht ebenso schlicht „Rede und Antwort“ nach 1Petr3:15 zu stehen, über die Hoffnung die einen erfüllt?

Ich denke die Grenze ist fließend.

Bezweifelt werden darf, dass sich wirklich jeder Gedanken über die Tragweite seiner öffentlichen Äußerungen und der damit einhergehenden Verantwortung macht.

Ohne Social Media blieb früher alles im kleinen, privaten oder zumindest inner-gemeindlich überschaubaren Rahmen, konnte entweder schnell korrigiert werden bzw. richtete nur begrenzten Schaden an.

Heute jedoch- befeuert durch die neuen Medien gibt es- wenn nicht unzählige Lehrer- zumindest Multiplikatoren von Lehre. Zudem mit erheblicher, potentiell weltweiter Reichweite.

Zu Bloggen oder auf Facebook unterwegs zu sein birgt ohne Zweifel viele Möglichkeiten, jedoch werden Lehrer aus biblischer Perspektive mit einem anderen Maß gemessen bzw. tragen eine andere Verantwortung als einfache Gläubige.

„Liebe Brüder, unterwinde sich nicht jedermann, Lehrer zu sein, und wisset, daß wir desto mehr Urteil empfangen werden.“ Jakobus 3:1.

Das Liken oder Teilen von Beiträgen bestimmter Lehrer oder Theologen, das Schreiben unterstützender Artikel für  diese kommt dem Lehren an sich u. U. gleich. Dies mag in der Tragweite durchaus unterschiedlich sein und bewertet werden, dürfte sich aber, nach kurzem überlegen selbst erklären. Insbesondere im evangelikalen Raum ist die Grenze zwischen Lehrern und Gemeindegliedern ohnehin stark verwaschen.

Aufgestoßen ist mir dieses Thema nun erneut durch die vielen positiven Reaktionen diverser Evangelikaler, auch eher konservativer Blogger auf die MEHR-Konferenz von Johannes Hartl bzw. ihn persönlich.

Es ist nun durchaus eine Sache mit J. Hartl persönlich im Gespräch zu bleiben, eine andere jedoch, von ihm durchgeführte „Gottesdienste“ mitzufeiern oder ihn und seine Vorträge durch positive Artikel auf Blogs, Liken, Teilen bei Facebook, Twitter zu unterstützen und zu promoten.

Wichtig: Es geht hierbei nicht um Personen, sondern um die transportierte Lehre!

Immer wieder und ich meine wirklich immer wieder, wird Kritikern entgegengebracht bzw. behauptet, man solle doch „alles prüfen und das Gute behalten“. Womit man sich vermeintlich auf 1. Thess 5,21 beruft:

„Prüft alles, das Gute behaltet!“

Ist hier gemeint, Gläubige können oder sollen nun „Gutes“ bei geistlich fragwürdigen Lehrern, eventuell sogar bei Irrlehren zu suchen? Nein, das ist definitiv nicht gemeint. Der Kontext stellt eindeutig heraus, dass hier nicht jeder oder gar Irrlehrer, sondern Gläubige die weissagen (unabhängig des diesbezüglichen Verständnisses) gemeint sind.

Ein weiterer Irrtum in dieser Debatte ist der ständige Verweis auf das „Stückwerk“ aus 1. Kor. 13,9. Wieder unabhängig möglicher Interpretationsmöglichkeiten, steht eines fest: Das jeweilige „Stückwerk“ (Erkenntnis, Weissagung) an sich, ist jeweils unvermischt gut.

Gemeinden und Gläubigen wird vielmehr geboten, sich vor dem Sauerteig zu hüten und Irrlehre und Irrlehrer abzuweisen.

„Ihr lieft gut; wer hat euch aufgehalten, daß ihr der Wahrheit nicht gehorcht? Die Überredung kommt nicht von dem, der euch berufen hat! Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig. Ich traue euch zu in dem Herrn, daß ihr nicht anders gesinnt sein werdet; wer euch aber verwirrt, der wird das Urteil tragen, wer er auch sei.“ Gal 5,7-10

Wann aber ist etwas „gut“ bzw. gibt es überhaupt etwas tatsächlich ausschließlich „Gutes“? Ja, die Bibel kennt eindeutig unverfälscht „Gutes“ und nein, es gibt nicht „ein wenig Gutes“ zusammen mit etwas Bösem, welches man „prüfen und behalten“ kann.

Das „Gute“, also das Evangelium, kann nur dann wirklich gut sein, wenn es unvermischt mit dem Bösen ist.

Ich ermahne euch aber, ihr Brüder: Gebt acht auf die, welche Trennungen und Ärgernisse bewirken im Widerspruch zu der Lehre, die ihr gelernt habt, und meidet sie! Denn solche dienen nicht unserem Herrn Jesus Christus, sondern ihrem eigenen Bauch, und durch wohlklingende Reden und schöne Worte verführen sie die Herzen der Arglosen. Denn euer Gehorsam ist überall bekanntgeworden. Darum freue ich mich euretwegen, möchte aber, daß ihr weise seid zum Guten und unvermischt bleibt mit dem Bösen. Röm 16,17-19

Ginge es nun nur um jene, welche von J. Hartl begeistert sind, wäre dies keinen Artikel, keine Diskussion wert. Aber es geht um mehr!

Zum einen darum, „die Kleinen“, also die im Glauben Schwachen oder Neubekehrten nicht in Gefahr zu bringen verführt zu werden, zum anderen aber auch darum, nicht vorschnell „die Hände aufzulegen“, also Personen in Verantwortung zu bringen bzw. als geistlich koscher zu adeln.

„Wehe denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die Finsternis zu Licht und Licht zu Finsternis erklären, die Bitteres süß und Süßes bitter nennen!“ (Jes 5,20),

Eine neutrale bzw. Grauzone existiert dabei nicht. Entweder gut oder böse. Das wahre, einmal überlieferte Evangelium oder falsches Evangelium. Wo nun Sauerteig öffentlich positiv begleitet, verteidigt oder sogar beworben wird, hier die römische-katholische Lehre, trägt man ebenfalls Verantwortung für die verbreitete Lehre und für die Verführung, wie die eigentlichen Irrlehrer.

Der Determinismus des Arminianismus

Der Arminianer … erkennt

  1. an, dass Gott die Zukunft erschöpfend vorherkennt,
  2. und dass er die Welt, wissend was die Zukunft bringen wird, schuf.

Zum Beispiel: Vor Erschaffung der Welt wusste Gott, dass Joe eine freie Entscheidung treffen würde Christ zu werden. Irgendwie, dann, bevor Joe geboren wurde, wusste Gott von seiner freien Entscheidung.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss Joes freie Entscheidung unausweichlich gewesen sein. Warum war es unausweichlich? Nicht, aufgrund des freien Willens von Joe; Joe war noch nicht geboren. Nicht, aufgrund Gottes Vorherbestimmung, denn der Arminianer bestreitet diese Möglichkeit von Anfang an.

Es scheint, dass die Unausweichlichkeit in dieser Frage irgendeine andere Quelle als Joe oder Gott besitzt. Das ist eine beängstigende Möglichkeit!

Mit der Ablehnung eines „göttlichen Determinismus“, umarmt der Arminianer in Wirklichkeit einen Determinismus, gespeist aus einer mysteriösen, anderen Quelle – einem anderen Gott? dem Teufel? Weltgeschichte? Unpersönliche Gesetze? In jedem Fall lässt diese Idee sicherlich nicht viel Raum für den freien Willen.

John Frame

Genießer oder Sklave? – Die wahre Identität in Christus

Von Thorsten Brenscheidt

Unzählige Ratgeber, das Leben zu gestalten, überschwemmen den christlichen Büchermarkt. Dabei fällt

auf, das ein neuer Schwerpunkt aus dem säkularen Wellness-Bereich übernommen wird, nämlich das

Leben zu geniessen, lustvoll und mit allen Sinnen. Auch Evangelikale werden jetzt dazu angeleitet, sich

selbst zu verwöhnen, sich etwas Gutes zu tun und eben das Leben so richtig zu geniessen.

weiter…

Welchen Auftrag hat die Gemeinde?

Vor kurzem wurde auf der Kanzel behauptet, die Gemeinde habe einen sozial-evangelistischen Auftrag. Auch andere Verlautbarungen der Gemeindeleitung („gesellschaftsrelevante Vision etc. weiterentwickeln„, ein geplantes Seminar mit Prof. J. Reimer „Gesellschaftsrelevanter Gemeindebau“ und Zusammenarbeit bei ProChrist) zeigt Tendenzen in eine solche Richtung auf. Ist das wirklich Auftrag der Gemeinde? Bis vor wenigen Jahrzehnten lautete die Antwort auf die Frage nach dem Auftrag der Gemeinde in evangelikalen Gemeinden anders:Auftrag der Gemeinde war:

  1. Gott zu ehren
  2. die Welt zu evangelisieren
  3. die Gemeinde zu bauen.

Heute wird diese Frage jedoch immer öfter anders beantwortet. Und dies nicht nur in einer anderen Gewichtung der Priorität, sondern grundsätzlich. Prof. J. Reimer behauptet in einem Essay (Transformation- was ist gemeint?), es sei primäre Aufgabe der Gemeinde Reich Gottes zu bauen. Womit jedoch nicht jene „Reichsgottesarbeit“ vergangener Tage gemeint ist, bei welcher man sich Gott mit seinem Leben zur Verfügung stellte bzw. Gott im Gebet bat „Dein Reich komme„, sondern eine aktive Umgestaltung dieser Welt in sozialer und gesellschaftspolitischer Hinsicht.

Man hat sich- offenbar aufgrund des Status quo dieser Welt (Armut, soziale Ungerechtigkeit etc.)- entschieden, nicht mehr mit der Bitte „Dein Reich komme“ zufrieden zu geben, sondern strebt inzwischen selbstbestimmt eine umfassende Umwandlung der Lebenswelt der Menschen in Gottes Formen und Vorstellungen an. Die Welt soll durch Mission unter die Herrschaft Gottes kommen.

Dazu ist ein neues Missionsverständnis notwendig. Unter Mission wird dann nicht mehr der schlichte und oft schwache Ruf der Gemeinde zur Buße, die inhaltliche Belehrung der Völker mit dem Wort Gottes und Taufe, sondern ein realer Herrschaftswechsel und damit ganzheitliche Veränderung des Lebensraumes in der Gesellschaft verstanden. So jedenfalls Prof. Reimer in einem diesbezüglichen Essay.

Bereits seit einigen Jahren, scheint es erforderlich zu sein, sich als Christ mit einigen neuen Begriffen vertraut zu machen. Begriffe deren Verwendung in der Gemeinde bzw. in einem geistlichen Kontext teils merkwürdig, teils vertraut und dennoch fremd anmuten. „Transformation“ und „Missional“ sind zwei solcher Begriffe, welche man exemplarisch anführen und sich merken sollte.

Beide Begriffe sind thematisch eng mit

  • der Gemeinde
  • der Gesellschaft und
  • der emergenten Bewegung

verbunden und sollen bisher verwandte Begriffe ersetzen. Ginge es nun lediglich um die Verwendung alternativer Begrifflichkeiten, wäre es nicht weiter problematisch, jedoch werden auch die mit den Begriffen verbundenen Inhalte anders als hergebracht verstanden und verwandt.“Emergent“ ist dabei ein zum Verständnis beitragender, entscheidender Begriff.

Ähnlich dem Begriff „charismatisch“, kennzeichnet „emergent“ keine verbindliche Organisation oder Zugehörigkeit zu einer Denomination, sondern beschreibt eher ein gewisses Verständnis, eine Haltung, zu bestimmten Fragen der Gesellschaft, Gemeinde oder der Schrift. Innerhalb dieser Strömung bzw. Bewegung existieren sowohl keine feste personale Struktur, Hierarchie oder Zugehörigkeit, eben sowenig wie lehrmäßige Verbindlichkeit oder Festlegung existiert.

Die geistliche Zugehörigkeit zur emergenten Bewegung ist in der Regel mehr an der Verwendung eines bestimmten Vokabulars, der thematischen Schwerpunkte und der Ausrichtung und persönlichen Verbindungen erkennbar.

Mission und Transformation sind ganz eindeutig „emergente Schwerpunkte“. Prof. J. Reiner, emergenter Stichwortgeber und oft geladene Sprecher auf emergenten Konferenzen, erklärt in einem zweiseitigen Essay kurz was er darunter verstanden wissen will:

„Wer also für den Austausch der guten alten Vorstellung von der Heiligung mit dem Begriff Transformation votiert, mag gute Gründe haben. Denn unter Transformation versteht unser Zeitgenosse eindeutig Umwandlung des Bewusstseins und des individuellen Lebenskonzeptes. […] Und wenn wir Mission als transformierende Wirklichkeit beschreiben, dann geben wir unseren Mitbürgern die Möglichkeit, zu verstehen, was gemeint ist.“

Der Begriff Transformation steht Reimer bzw. dem emergenten Verständnis folgend für den biblischen Begriff Heiligung. Wobei die Transformation das Ziel und Mission das Mittel darstellt. An dieser Stelle muss jedoch gefragt werden, was diesem Verständnis folgend unter „Heiligung“ zu verstehen ist? Prof. J. Reimer schreibt folgendes:

„Versteht man denn heute in der Gesellschaft noch was Heiligung, Mission und Evangelisation bedeutet? Oder werden diese Begriffe schnell auf ein volkstümliches Verständnis reduziert? Wenn individuelle Transformation Heiligung ist und Transformation eine Umwandlung unseres Denkens voraussetzt, wird dann auch unter Heiligung eine Heiligung der Gedanken verstanden? Mag sein. Ich habe jedenfalls selten Predigten über Heiligung gehört, die eine umfassende Umwandlung der Persönlichkeit des Menschen meinten. Doch in der Bibel bedeutet Heiligung genau das – den alten Menschen auszuziehen und den neuen anzuziehen (Kol. 3,3ff ). Leider hat der Begriff in der Geschichte der Christenheit eher den Beigeschmack einer von der Kirche verlangten Konformität erfahren.“

Reimer hat im Bezug auf die Heiligung also nicht allein die Gemeinde oder Gläubige, sondern Nichtgläubige bzw. die Gesellschaft im Blick. Die Schrift unterscheidet jedoch strikt zwischen Welt und der Gemeinde. Heiligung bedingt der Schrift folgend Rechtfertigung, wobei Rechtfertigung eine richterliche Handlung Gottes im Bezug auf die Stellung des Menschen (Freispruch von Strafe/Recht auf Leben) vom Ungläubigen zum Gläubigen und Heiligung ein Wirken Gottes am Gläubigen in Bezug auf Gewohnheiten und Taten ist. Beides Handlungen Gottes, wobei Heiligung ohne grundlegende Rechtfertigung nicht möglich ist.

Diese- man kann es nicht anders nennen- Selbst- und Neubeauftragung der Gemeinde geschieht also auf Grundlage einer Neu- bzw. Uminterpretation des Evangeliums mit der Folge, dass sich Gemeinden vollständig diesem Evangelium anpassen und verändern. Nicht mehr Christus und die zukünftige, himmlische Hoffnung steht im Zentrum dieses neuen Evangeliums, sondern der Mensch und eine irdische Hoffnung. Die Welt soll nicht bloß zur Buße aufgerufen werden, sondern gesellschaftlich verändert, die Gemeinde soll vor allem sozial aktiv und gesellschaftlich relevant sein.

Keine Frage, ein solches Evangelium besitzt Attraktivität. Man wird anders wahrgenommen wenn man nicht bloß lehrt und tauft, sondern sozial und gesellschaftlich aktiv ist. Die Gemeinde wird dann plötzlich als gesellschaftliche Bereicherung, nicht als verstörender Fremdkörper angesehen, wird eingeladen und hoffiert, nicht verlacht oder gar verfolgt, besitzt Relevanz. Gemeinden mit einem solchen Evangelium erkennt man äußerlich nicht sofort. Und der Prozess dorthin ist oft schleichend, das Vokabular so ähnlich, die Menschen nett und aktiv, die Gottesdienste oft interessant und mitreissend.

Für wen jedoch ist eine solche Gemeinde attraktiv oder relevant… Gott oder Menschen? Die Gemeinde: Braut Christi, oder Braut dieser Welt?

Das Reich Gottes ist in dieser Welt aktuell nur im Verborgenen erkennbar, in jedem Gläubigen, in der Gemeinde. Das Reich Gottes ist dort präsent, wo Gott  herrscht, Sein Wille geschieht. In dieser Welt geschieht noch nicht der Wille Gottes. Diese Welt, die gesamte Schöpfung wartet vielmehr sehnsüchtig darauf, das es zukünftig offenbar wird. Die sichtbare Ankunft dieses Reiches steht also aus, kann von Menschen nicht betrieben werden weil das sichtbare Reich Gottes mit der sichtbaren Wiederkunft und Gegenwart des Herren dieses Reiches verbunden ist.

sdg
apologet

Israel – Schlüsselfrage des reformatorischen Schriftprinzips

Dr. W. Nestvogel erhebt in einem aktuellen Artikel („Zeitschrift für aktive Christen – Fest und treu“: „Die Israel-Frage als Testfall“) die Erkenntnis bezüglich Israel zur Schlüsselfrage für das allgemeine Schriftverständnis. Darin sei ihm zunächst durchaus zugestimmt. Auch der bekannte evangelikale, dispensationalistische Theologe Charles Ryrie erkärt ohne Umschweife.

„Das Wesen des Dispensationalismus liegt also in der Unterscheidung zwischen Israel und der Kirche. Diese erwächst aus der konsequenten Anwendung der normalen oder einfachen Auslegung, und sie spiegelt ein Verständnis der Grundabsicht Gottes in allen seinen Regierungswegen mit der Menschheit wieder, durch die Errettung und auch durch andere Mittel sich selbst zu verherrlichen.“

Es sind demnach weniger Fragen des Endzeitverständnisses (Amillenialismus vs Dispensationalismus), oder die oft als Hauptmerkmal des Dispenstaionalismus angeführten „Haushaltungen“ (Bündnisse vs Haushaltungen „Dispens“), als vielmehr grundlegende hermeneutische Überlegungen im Hinblick auf die Ekklesiologie (siehe dazu auch den Artikel „Definition des Dispensationalismus“ von S. Heck).

Widerspruch erfordert, die von Dr. W. Nestvogel vorgenommene, allerdings unzutreffende „grundsätzliche Gegenüberstellung“ eines ethnischen Israelverständnisses, mit der sogenannten Beerbungs- bzw. „Ersetzungslehre“ (Substitutionstheorie), welche er den Reformierten unterstellt. Dies ist ein offenkundiges und -leider auch nicht redliches- Strohmannargument, da dies in dieser Weise nicht gelehrt. Er müsste es als ehemaliger Rektor und Dozent der ART besser wissen.

Auf Grundlage einer tatsächlich reformatorischen Hermeneutik- auf welche sich auch Nestvogel beruft- kann man, so meine ich, in Bezug auf Israel weder zu einem rein wortwörtlichen (=ethnischen), wie auch zu keinem bloß sinnbildlichen (Gemeinde ersetzt Israel) Israelverständnis gelangen. Vielmehr wird durch eine reformatorische Hermeneutik deutlich, dass von Anfang an ein entscheidendes Kriterium für die Zugehörigkeit zu Israel galt und bis heute gilt.

Wie begründet Dr. W. Nestvogel seine- offenkundig auf Irtümern basierende- Gegenüberstellung?

Irrtum 1
Dr. W. Nestvogel spricht sowohl den historischen Reformatoren wie auch den modernen Reformierten ab, die Schrift im Hinblick auf Israel dem einfachen Schriftsinn nach auszulegen, unterstellt ein allegorisches Schriftverständnis. Für seine eigene Position nimmt Nestvogel dagegen in Anspruch, dem reformatorischen Literalsinn („buchstäblich“, wie er diesen versteht) gerecht zu werden.

Dr. Nestvogel irrt. Das reformatorische Prinzip des claritas scripturae- der Klarheit der Schrift- bedeutet keineswegs Texte buchstäblich zu interpretieren und eine geistliche Interpretationen auszuschließen, sondern vielmehr Texte unter historischen und grammatischen Gesichtspunkten zu analysieren damit deren ursprünglich gemeinte Bedeutung erfasst werden kann.

Weiterhin existiert ein entscheidender Unterschied zwischen „literal“ (Wortsinn) und „literalistisch“ (buchstäblich). Das reformatorischen Prinzip der Klarheit der Schrift schließt weder eine sinngemäße Interpretation umgangssprachlicher Formulierungen, noch das Vorhandensein von Bildern oder Symbolen aus, erkennt schlicht die Existenz unterschiedlicher Textgattungen an. Eine wortwörtliche Interpretation der Schrift würde in der Regel oft zu hanebüchenen Ergebnissen führen. Der Forderung Nestvogels und anderer Dispensationalisten nach strikter, buchstäblicher Wortwörtlichkeit werden zudem selbst die klassischen Dispensationalisten (Scofield etc.) nicht durchgängig gerecht.

Der Vorwurf einer „allegorischen Auslegung“ trifft auf die reformierte Bundestheologie also nicht zu. Diese begreift die biblischen Texte lediglich als das was sie in Wirklichkeit sind: Literatur unterschiedlicher Textart und legt diese im Rahmen der bekannten reformatorischen Prinzipien aus.

Irrtum 2
Dr. W. Nestvogel irrt weiterhin, wenn er der Bundestheologie unterstellt, diese würde sich die Substitutionstheorie (Ersatztheologie) zu eigen machen. Die reformierte Bundestheologie versteht sich– und erfüllt dieses Verständnis inhaltlich auch– als „Erfüllungstheologie“. Auch nach allgemeinem reformatorischen Verständnis, werden Gläubige aus den Heiden und Israel durch Christus zu dem „einen neuen Menschen“ (Eph2), werden Heiden in das Israel Gottes „eingepfropft“ (Röm11). Das alttestamentliche Israel ist nach reformierter Überzeugung Bild und Schatten des neutestamentlichen Gottesvolkes bzw. dessen Beginn, steht in einem Verhältnis der Kontinuität und Diskontinuität zueinander, welches in der Kirche seine vollständige Erfüllung findet, Israel der „Anfang von Christus“ die Kirche die „volle Reife“ (Heb5/6).

Die Bundestheologie vertritt demnach keine „Ersetzung“ Israels. Dies ist eine bewußte Verdrehung der Wahrheit, eine Lüge! Unter „Israel“ und „Jude“ wird das verstanden, was der Apostel Paulus beispielsweise den Römern schreibt: „nicht der ist ein Jude, sondern der ist ein Jude“ (Röm2:28-29) und dies mit der inwendigen Beschneidung verbindet. Es ist demnach der Apostel, der die Zugehörigkeit zu Israel nicht biologisch oder ethnisch, sondern an den Glauben an Christus knüpft. Die Unterscheidung zwischen Juden und Heiden, „die Zwischenwand der Umzäunung“ (Eph2) ist in Christus ein für allemal niedergerissen und das ungläubige Israel eine Nation wie jede andere. Dies sagt Petrus den ersten Christen als er vom jüdischen Hohen Rat zurückkam (Apg4:27). Eine „ethnisch-nationale Dimension Israels“ hat in der Weise ohnehin nie existiert.

Ein solches Verständnis ist ein Phänomen der Moderne. Das „Konstitutivum“ der Zugehörigkeit zu Israel, war das Zeremonialgesetz bzw. die Beschneidung d. h. kultischer Natur. Aus dem Heiden Abram, wurde durch die inwendige (=Herz) bzw. äußere Beschneidung (=Vorhaut), Abraham, der „Vater“ aller Gläubigen (Röm4:11-12).

Bereits die Propheten des AT unterschieden zwischen dieser äußeren bzw. inneren Beschneidung (bspw. Hes44:7). Und so wie nicht jeder Angehörige des alttestamentlichen Israel zu dem gläubigen „Überrest“ des Gottesvolkes gehörte, kennt auch das reformatorischen Verständnis einen vermischten Leib (corpus permixtum), in welchem wahrhaft Gläubige und Heuchler, ihre Sünden bedauernde, gerechtfertigte Sünder und Unbußfertige miteinander vermengt sind (bspw. Mt13:36ff). Es ging und geht immer um die Beschneidung des Herzens, also den Glauben. Wer äußerlich aber nicht innerlich beschnitten war, gehörte auch im AT nicht zum wahren Israel, nicht zu dem gläubigen Überrest den sich Gott immer bewahrt hat. Dasselbe gilt auch im NT. Es gibt viele getaufte Christen, die aber innerlich nie durch den Geist getauft wurden.

Fazit
Wenn man also über Verheißung, Erfüllung, Israel, Gemeinde und die Frage der Hermeneutik nachdenkt, erscheint als angebracht über Abraham und Christus zu sprechen. Abram, bekam von Gott mit dem Bund drei Verheißungen:

– Land
– Nachkommenschaft
– Segen

Diese Verheißungen und auch deren Erfüllung wurde aus Sicht Israel‘s tatsächlich wortwörtlich verstanden. Aus dem Neuen Testament wissen wir jedoch, dass diese Verheißungen eine viel weitreichendere Bedeutung (Gal5:15ff) besaßen, eine Bedeutung, die das Volk Israel nicht erkannte, nicht erkennen konnte denn es lag eine „Decke“ auf ihren Augen (2Kor 3,14-16) die erst in Christus weggetan wurde.

Der tatsächliche Verheißungserbe CHRISTUS, sollte jedoch nicht nur ein Segen für Israel, sondern letztendlich die ganze Welt sein (1Mo12:1ff). Interessant auch, dass der Segen von der Reaktion der anderen „Abraham“ gegenüber abhängen sollte. Gott sagt, dass er die Menschen segnen wird, die Abraham segnen, und jene verfluchen wird, die ihn verfluchen. Dieser Bund hat seine Erfüllung aus neutestamentlicher Sicht vollständig in Christus gefunden. Diejenigen, die Christus verfluchen, sind verflucht. Unbestritten ist, dass der Same Abrahams, das Volk Israel (und aus diesem Christus hervorgehend), das Mittel für den Segen Gottes für alle Menschen war. Aber es sind keine getrennten Verheißungen, die nichts miteinander zu tun hätten, sondern Schatten und Original.

Es lohnt sich daher tatsächlich für eine grundsätzliche Anwendung des reformatorischen Schriftprinzips zu streiten, den Literalsinn des Textes zu ergründen, jedoch nicht in Form eines Literalismus. Christus und die Apostel widersprechen einem solchen Schriftprinzip wiederholt.

sdg
apologet

Hans-Werner Deppe: Rezension von Wolfgang Nestvogels Artikel „Testfall Israel“

Prüft alles!

Idea berichtet aktuell über eine „Prophetie“ des Heinrich Matthias Rust, Pastor der Baptistengemeinde (BEFG) in Braunschweig, nach welcher es in Deutschland demnächst bürgerkriegsähnliche und anarchistische Zustände geben soll. Wörtlich redet er im Namen Gottes folgendes:

„Es wird eine Zeit kommen, da werden auf Deutschlands Straßen und Plätzen Tausende Menschen kämpfen und demonstrieren … Menschen werden sich weigern, demokratische Parteien zu akzeptieren. Parteien und Regierungen sind sich einig, werden aber kaum noch Einfluss haben … Auch in anderen europäischen Ländern wird es ähnliche Entwicklungen geben. Man wird von der ‚Unregierbarkeit des neuen Europa’ sprechen.“

Drei Fragen stellen sich hier spontan:

1. existiert nachapostolische Prophetie?
2. beschäftigt sich Prophetie mit nationaler Politik?
3. wie geht man mit Prophetie um?

Existiert nachapostolische Prophetie?
Diese Frage ist grundsätzlicher, hermeneutischer Natur und wird zumeist wohl entweder kategorisch mit „ja“ oder „nein“ beantwortet. Wer Prophetie bzw. fortgesetzte Offenbarungen nach der Zeit der Apostel und Propheten theologisch ausschließt, wird jede moderne „Prophetie“, jeden „prophetischen Eindruck“ oder wie auch immer Neuoffenbarungen bezeichnet werden, als falsches Reden im Namen Gottes beurteilen. Jede echte – Gottes Offenbarung vermittelnde – Prophetie weist dieser Sichtweise folgend auf das Kommen bzw. den Erlöser selbst hin. Da nun Christus bereits gekommen ist, von dem die Propheten immer gezeugt haben, wo gäbe es noch einen Grund für mehr bzw. neue “Offenbarungen” respektive “Prophetie”? Dies wird in Hebräer 1,1ff gesagt. In diesem Fall fiele die Einordnung der „Prophetie“ und des Braunschweiger Pastoren leicht. Anders sähe es aus, wenn man nachapostolische Prophetie für denkbar hält. In diesem Fall müsste genauer auf den Inhalt als solches geschaut werden.

Beschäftigt sich Prophetie mit nationaler Politik?
Eine solche Frage läßt sich in einem kurzen Artikel sicher nicht für jeden befriedigend beantworten. Ist es so, dass Prophetie grundsätzlich einen Bezug zu Gemeinde und Christus haben muss, oder kann Prophetie auch ausschließlich profane bzw. politische Informationen- ohne Bezug zu Gemeinde und Christus- zum Inhalt haben? Ich bin davon überzeugt das echte Prophetie Christus bzw. das Volk Gottes zum Inhalt bzw. im Blick hat. Viele Christen verstehen unter Prophetie jedoch offensichtlich allgemein eine Art von “Präkognikation” bzw. Wahrsagerei oder Zukunftsvorhersage. Läßt sich nun mit Bestimmtheit sagen, welchen Inhalt biblische Prophetie hat?

Das für uns ausschlaggebende Neue Testament, bezeugt- beispielsweise in1Petr1:10ff- dass stets Christus Inhalt wahrer prophetischer Rede ist. Auftrag der Propheten- sowohl des AT wie NT- war demnach, Offenbarungen Gottes mit christologisch, soteriologisch und ekklesiologischem Inhalt zu kommunizieren, den Menschen das- letztlich größte Geheimnis des Universums, das Zeugnis über das Kommen des Erlösers, Gott in Person mitzuteilen (Offb19:10). Kein anderer Zweck, weder persönliche Situationen, Staats- oder Regierungsangelegenheiten, noch andere Informationen stehen im Mittelpunkt von Prophetie.

Christus selbst sagt, das Mose, die Propheten, die Psalmen immer auf Ihn hingewiesen (Lk 24,27ff) haben. Prophetie und Offenbarung sind dabei nicht identisch. Prophetie ist die konkrete, äußere Rede von bzw. für Gott. Auch wenn heute aus der Heiligen Schrift vorgelesen oder zitiert wird, ist das nichts anderes als wahrhaft prophetische Rede, jedoch eben keine aktuelle, oder neue Offenbarung. Offenbarung ist der geistgewirkte (theopneustos) Vorgang, bei dem der jeweilige Prophet oder Apostel das Geheimnis (was Christus betrifft) von Gott enthüllt bekam. Prophetie “lediglich” der darauf folgende, äussere Vorgang, die Rede, das niedergeschriebene Dokument, die prophetische Schrift.

1Petr1:10-12 Wegen dieser Errettung haben die Propheten gesucht und nachgeforscht, die von der euch zuteil gewordenen Gnade geweissagt haben. Sie haben nachgeforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist des Christus in ihnen hindeutete, der die für Christus bestimmten Leiden und die darauf folgenden Herrlichkeiten zuvor bezeugte. Ihnen wurde geoffenbart, daß sie nicht sich selbst, sondern uns dienten mit dem, was euch nunmehr kundgetan worden ist durch diejenigen, welche euch das Evangelium verkündigt haben im Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt wurde– Dinge, in welche auch die Engel hineinzuschauen begehren. Schlachter 1951

Petrus sagt: erstens, daß das prophetische Reden der at’lichen Propheten in erster Linie nicht ihnen selbst, nicht einmal den damaligen Gläubigen galt, sondern primär den Gläubigen nach dem offenbar gewordenen Sohn Gottes. Paulus schreibt Ähnliches in 2Kor3:15, wenn er sagt, daß das Volk Israel die Propheten bis zum Erscheinen Christi überhaupt nicht wirklich verstanden hat bzw. verstehen konnte, eine “Decke” auf ihrem Herzen gewesen ist. Damit ist zweitens gesagt, das auch wenn den Propheten über den primären Auftrag hinaus Dinge, egal ob sie selbst, andere Personen oder Gruppen offenbart wurde, dies unwesentlich, ein sekundärer Aspekt gewesen ist. Drittens wird deutlich, dass wenn bereits für die vorausgegangen Propheten der eigentliche Auftrag stets war, auf Christus und sein Heilswerk hinzuweisen, dies weder zur apostolischen noch nachapostolischen Zeit anders sein kann.

Wie geht man mit Prophetie um?
Die dritte Frage beschäftigt sich ganz allgemein mit den Umgang mit Prophetie/prophetischer Rede bzw. deren Prüfung. Im Alten Testament ist die Echtheit von Prophetie u.a. an das Eintreffen dessen was gesagt wurde gekoppelt.

Deu18:20-22 Wenn aber ein Prophet vermessen ist, in meinem Namen zu reden, was ich ihm nicht zu reden geboten habe, und im Namen anderer Götter redet, so soll dieser Prophet sterben! Wenn du aber in deinem Herzen sagen würdest: Wie können wir merken, welches Wort der Herr nicht geredet hat? [dann wisse:] Wenn der Prophet im Namen des Herrn redet, und es wird nichts daraus und trifft nicht ein, so ist es ein Wort, das der Herr nicht geredet hat; der Prophet hat aus Vermessenheit geredet, darum erschrick nicht vor ihm! Schlachter 1951

Allein dieses Prüfkriterium deckt die meisten der nachapostolischen Prophetien als falsch auf. Nun haben es viele modernen Prophetien jedoch an sich, so wage bzw. allgemein zu bleiben, dass verschiedene Entwicklungen im Nachhinein als Erfüllung interpretiert werden können. Das bloße Eintreffen einer Prophetie ist daher nicht das einzige Kriterium. In Deu13:1ff wird ein weiteres Kriterium angeführt: Echte Propheten weisen auf Gott hin. Im Neuen Testament ermahnt Paulus die Thessalonicher Prophetie nicht zu verachten, ordnet jedoch gleichzeitig an, alles genau zu prüfen, und nur das Gute zu behalten.

1Th 5:19-22 Den Geist dämpft nicht! Die Weissagung verachtet nicht! Prüft alles, das Gute behaltet! Enthaltet euch des Bösen in jeglicher Gestalt! Schlachter 1951

Prüfung ist demnach nicht nur berechtigt, sondern notwendig, wenn der Anspruch erhoben wird im Namen Gottes zu sprechen, Offenbarung aus der Gegenwart Gottes erhalten zu haben! Wichtig ist hier das kleine Wort „alles„. Ohne Zweifel bezieht sich dies insbesondere auf den Inhalt, da Prophetie immer mit dem Glauben übereinstimmen muss (Röm12:6ff), ebenso jedoch auf den Propheten, da sowohl Christus, wie auch die Apostel das Auftreten falscher Propheten angekündigt haben.

Dr. Jochen Klautke schreibt über den Umfang der Prüfung folgendes:

Ohne Zweifel geht es  ging es zum einen darum, dass das von ihnen Verkündete beurteilt wird. Gemäß Röm. 12,7 soll Prophetie „nach Analogie des Glaubens“ erfolgen. Damit wird die Prophetie an den der christlichen Lehre entsprechenden Glauben gebunden. Das Prüfen bestand nicht darin, abzuwägen oder zu sortieren zwischen dem, was ein als Prophet Auftretender an Richtigem und was er an Falschem verkündet. Auch sollte das Prüfen keineswegs in der vorausgesetzten Annahme erfolgen, ein wahrer Prophet könne gelegentlich auch einmal etwas Falsches sagen, so dass es Aufgabe der Prüfenden sei, herauszufiltern, was an dem von ihm Dargebotenen akzeptabel ist und was nicht. Im Gegenteil: Das Prüfen hatte unter der Voraussetzung zu erfolgen, dass ein nicht von Gott legitimierter Prophet das Potential hat, durchaus verbal Richtiges zu sagen (vergleiche dazu: Apg. 16,16; Joh. 11,50-51; Tit. 1,12-13). Folglich hatte das Prüfen die Aufgabe, über das hinaus, was der als Prophet Auftretende bekundete, den „Geist“ zu prüfen (1Kor. 12,10). Dass es beim Prüfen (auch) um die „Geister“ geht, also um das Untersuchen der Herkunft, der Quelle des als Prophetie Dargebotenen, wird auch sonst im Neuen Testament befohlen: „Prüft die Geister“ (1Joh. 4,1-3). Das heißt: Untersucht, ob die Prophetie göttlichen oder antichristlichen Ursprungs ist.

Prüft man die hier behandelte Prophetie, ist m.E. nur eine Beurteilung möglich: Bei den Äußerungen von Heinrich Matthias Rust handelt es sich nicht um das Reden Gottes, sondern um das vermessene Reden eines Menschen. Läßt man- den m.E. zutreffenden Umstand- beiseite, dass nachapostolische Prophetie bzw. Offenbarung nicht existiert, besitzt das Gesagte keinerlei geistliche Relevanz für die Gemeinde, weist nicht auf Christus hin. Hier geht es weder um Christus noch die Gemeinde, sondern um die profanen Belange dieser Welt. Es besteht keine Notwendigkeit für diese Information, alles bloße Effekthascherei und Selbstdarstellung. Selbst wenn etwas davon oder alles einträfe, mit dem Glauben an Gott hat dies nichts zu tun.

Wo bleibt die Korrektur seitens des BEFG?
sdg
apologet

DistomosBlog: „Prophet“ Pat Robertson: Vorhersagen für das Jahr 2012