Selbstmord und geschäftsmäßige Beihilfe – Ausdruck von Würde?

»Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.«
— Artikel 1, Absatz 1 GG
Selbstmord als „Ausdruck von Würde“
Das Bundesverfassungsgericht hat am 26. Februar 2020 entschieden: „Die selbstbestimmte Verfügung über das eigene Leben“ sei ein-Ausdruck von Würde“, sagt das höchste deutsche Gericht. Mit dieser Begründung hat der Zweite Senat festgestellt, dass das in § 217 des Strafgesetzbuchs (StGB) normierte Verbot aus dem Jahr 2015, der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung gegen das Grundgesetz verstößt und nichtig ist. Beendet dieses staatliche Machtwort nun die Debatte um die Beihilfe zum Selbstmord? Ich behaupte: nein.
Auch unter Libertären gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen. Existiert ein Recht auf Selbstmord (Selbsteigentum bzw. Verfügungsrecht) oder gar auf geschäftsmäßige Assistenz (Vertragsfreiheit)?
Das Bundesverfassungsgericht begründet seine Entscheidung mit der Definition der Würde des Menschen als Mittel zur Erreichung einer- wie auch immer gearteten und nicht näher ausgeführten- Entfaltung von Selbstbestimmung und Eigenverantwortung bzw. Wahrung eines autonomen (willkürlich gesetzten) Selbstbildes bzw. Erlösung von einem möglicherweise als leidvoll empfundenen Lebens. Die Verwurzelung dieses behaupteten Rechts auf selbstbestimmtes Sterben in der „Menschenwürdegarantie„, impliziert nach dieser Argumentation sogar, dass eigenverantwortliche Entscheidungen über das eigene Lebensende keiner weiteren Begründung oder Rechtfertigung bedürfen und sich der Bewertung, anhand allgemeiner Wertvorstellungen, religiöser Gebote, gesellschaftlicher Leitbilder für den Umgang mit Leben und Tod oder Überlegungen objektiver Vernünftigkeit entzieht! Gesellschaftliche Leitbilder sind Gegenstand der Ethik.
»Dieser in der Würde des Menschen wurzelnde Gedanke autonomer Selbstbestimmung wird in den Gewährleistungsgehalten des allgemeinen Persönlichkeitsrechts näher konkretisiert. Es sichert die Grundbedingungen dafür, dass der Einzelne seine Identität und Individualität selbstbestimmt finden, entwickeln und wahren kann. Namentlich die selbstbestimmte Wahrung der eigenen Persönlichkeit setzt voraus, dass der Mensch über sich nach eigenen Maßstäben verfügen kann und nicht in Lebensformen gedrängt wird, die in unauflösbarem Widerspruch zum eigenen Selbstbild und Selbstverständnis stehen.«
— Urteil vom 26. Februar 2020, 2 BvR 2347/15, 2 BvR 2527/16, 2 BvR 2354/16, 2 BvR 1593/16, 2 BvR 1261/16, 2 BvR 651/16
Religiöse Ethik
Obgleich das Konzept der Menschenwürde, zumindest nach Auffassung der meisten Staatsrechtler, jüdisch-christlicher Ethik-Tradition entstammt, wird der Artikel 1 des Grundgesetzes zweifelsohne auch nicht religiös begründet. Dies ist insofern von Relevanz, da in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft nur noch wenige Menschen bzw. Libertäre nach dezidiert religiösen Begründungen ihrer Ethik fragen. Wenn also das Bundesverfassungsgericht bei seiner Urteilsbegründung sowohl das Recht auf Selbsttötung, wie auch die Inanspruchnahme geschäftsmäßiger Suizidhilfe vom grundrechtlichen Schutz umfasst sieht, und dies mit der Würde des Menschen begründet, gilt es diese Begründung („Würde des Menschen“) dieses gesellschaftlichen Leitbildes näher zu betrachten.
Das Christen- und Judentum begründet die Würde des Menschen mit der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott und verneint das Recht auf Selbstmord mit dem grundsätzlichen Tötungsverbot. In der Begründung des Urteils wird daher folgerichtig festgestellt, das sowohl die Kirchen, wie auch der Zentralrat der Juden bestreiten, Suizid oder die Assistenz dabei, wäre mit der Würde des Menschen aus religiös-ethischer Sicht vereinbar. Da der Suizident sich durch die Tötung der vitalen Basis der Menschenwürde beraube und selbst wenn aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht oder der allgemeinen Handlungsfreiheit aus Art. 2 Abs. 1 GG ein verfassungsrechtlicher Schutz der freiverantwortlichen Selbsttötung abzuleiten wäre, sich ein solches Recht auf Suizid nicht auf das Recht auf Beihilfe zum Selbstmord erstrecke bzw. das strikte Verbot jeder Tötung, auch die Selbsttötung umfasst.
Das religiöse Verbot, unabhängig dessen Relevanz, soll jedoch hier nicht behandelt werden.
Rationale Ethik?
Zu klären gilt also, ob eine anders begründete, genuin rationale Ethik diese Frage beantworten kann. Dies ist insofern elementar, da das Gegenteil: „Absolute und universelle Wahr- oder Falschheiten existieren in der Ethik nicht“, ersten selbst eine absolute Aussage, mit Anspruch, eine absolute Wahrheit über die Ethik zu sein, wäre und weiterhin auf eine Position des moralischen Nihilismus, also der grundsätzlichen Ablehnung aller positiven Zielsetzungen, Ideale, Werte und völlige Verneinung aller Normen und Werte hinausliefe. Es muss also rationale, vernünftige und gültige Wahrheit über Ethik allgemein und speziell diese Frage existieren, da universell gültiges Wissen existiert.
Aus libertärer Perspektive gilt das Prinzip des Selbsteigentums als logisches Axiom (Locke, Ruthbard, Hoppe etc.) der sogenannten rationalen Ethik, aus welchem sich auch das Verfügungsrecht über den eigenen Körper ableitet.
»Wenn es etwas gibt, worauf wir fest bauen können, ist es die bedeutende natürliche Tatsache, dass jedes menschliche Wesen mit seinem oder ihrem Körper eine abgesonderte Einheit bildet – woraus wir schliessen müssen, dass die Entitäten sich selbst und nicht sich gegenseitig gehören. Keine andere logische Ableitung ist möglich. Wenn die Entitäten nicht sich selbst gehören, sind wir zurückgeworfen auf die absurdeste Schlussfolgerung: A oder B können kein Eigentum an sich selbst haben, aber ihnen können ganz oder teilweise C oder D gehören.«
— Murray N. Rothbard, „Ethik der Freiheit“
Wie verhält es sich nun mit einer, auf rationaler, logischer Ethik basierenden Antwort auf die Frage rechten und unrechten Handelns, hier konkret in Bezug auf Selbstmord bzw. Beihilfe zum Selbstmord? Existiert ein moralisch neutrales, wertfreies Verfügungsrecht über den eigenen Körper, oder gibt es hier ein Richtig oder Falsch?
Vernunftrecht – Deontologische Ethik
Eine ethisch-religionsfreie, ausschließlich logisch-rationale Antwort findet sich bei dem Philosophen Immanuel Kant und seiner- auf dem kategorische Imperativ basierenden- Formel des „Zweckes an sich selbst“ (Selbstzweckformel). Kant setzte neben das Naturrecht das Vernunftrecht: der Mensch ist aus seiner Vernunft heraus verpflichtet, die Persönlichkeit und in ihr die Würde des Menschen zu achten, da die Selbstbestimmung des Menschen ihn zum grundlegenden Zweck seines Handelns macht.
»Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.«
— Immanuel Kant, Menschenrechtsformel GMS, AA IV, 429
Mit „Zweck“ meint Kant rationale, absolute bzw. objektive Zwecke an sich, die anders als relative, empirische Zwecke (Mittel zur Bedürfnisbefriedigung) unabhängig subjektiver Interessen und Mittel-Zweck-Beziehungen einen absoluten Wert besitzen. Kant unterscheidet im Bereich menschlicher Zwecksetzungen also zwischen dem, was einen Preis hat, und dem, was Würde besitzt.
Kant sieht die Besonderheit des Menschen- im Gegensatz zu einem Tier- in dessen Kombination aus Sinn- und Vernunftwesen. Tötet der Mensch sich selbst, zerstört er beides. Damit verkäme die Person des Menschen und seine Würde wieder zu einem Mittel der Bedürfnisbefriedigung. Kant verneint daher ein Recht auf Selbsttötung, da damit die Grundlage der Moral an sich bzw. die Würde des Menschen wegfallen würde. Nichts ließe sich mehr ethisch-moralisch begründen, da die Verbindlichkeit aller Moral entfiele.
Wenn also das Bundesverfassungsgericht mit dem Leben bzw. dem Selbstmord eines Menschen als Mittel zur Erreichung der Selbstbestimmung argumentiert, reduziert er den Mensch von seinem Selbstzweck, auf ein subjektives Mittel. Auf Kants Deontologische Ethik kann sich das Bundesverfassungsgericht bei seiner Begründung mit der Würde des Menschen nicht berufen.
Naturrecht – Ethik  der Freiheit
Auch der Libertäre Murray Newton Rothbard argumentiert in seiner „Ethik der Freiheit“ auf Grundlage des Naturrechts ähnlich, auch wenn er das Thema Selbstmord nicht explizit anspricht. Er versteht das Naturrecht nicht religiös, sondern ausschließlich als auf Vernunft und rationale gegründete Untersuchung logischer, ethischer und physischer Gesetzmäßigkeiten bzw. Prinzipien menschlichen Verhaltens, die von der Vernunft in den Grundneigungen der menschlichen Natur entdeckt werden können und die absolut, unwandelbar, von universeller Gültigkeit für alle Zeiten und Orte sind. Weiterhin führt er aus, das menschliches Handeln immer absichtsvoll, und dessen Ziele von der Vernunft als rational oder nicht rational, als objektiv gut oder schlecht erfasst werden können.
Rationales Verhalten entspricht also moralischem Verhalten, in Übereinstimmung mit rechter Vernunft und Verwendung der Mittel, dies zu erreichen.
Er widerspricht damit David Humes moral-nihilistischer Auffassung, Vernunft sei darauf verpflichtet, bloßer Sklave der Leidenschaft zu sein, dessen Aufgabe darauf beschränkt ist, die Mittel zu willkürlich gewählten Zwecken auszuhecken. Denn die Zwecke selbst werden unter Gebrauch der Vernunft gewählt und rechte Vernunft diktiert dem Menschen die ihm angemessenen Ziele und auch die Mittel um diese zu erreichen.
Auch Rothbard postuliert mit seiner Ethik der Freiheit, die Natur des Menschen als Vernunftwesen, ebenso das Vorhandensein rationaler, ergo guter und nicht rationaler, schlechter Zwecke. Die Möglichkeit zum Selbstmord ist Rothbards Argumentation zufolge sicher nicht unter rationale Zwecke einzuordnen. Rothbard bringt es folgendermaßen auf den Punkt:
»Es sollte aus dieser Arbeit klar werden, dass Freiheit zuerst und zuvorderst ein moralisches Prinzip ist, das in der Natur des Menschen begründet ist. Im Besonderen ist sie ein Prinzip von Gerechtigkeit, der Annullierung aggressiver Gewalt in Belangen von Menschen. …Gerechtigkeit, nicht das schwache Schilf blanker Nützlichkeit, muss die treibende Kraft sein, wenn Freiheit erreicht werden soll.«
— Murray Newton Rothbard
Fazit
Ob religiös bzw. metaphysisch oder rational begründet: die Ablehnung von Selbstmord unterscheidet  lediglich in der argumentativen Begründung, nicht jedoch in der inhaltlichen Schlussfolgerung. Ob in der Ebenbildlichkeit mit Gott, oder der Ausnahmestellung des Menschen als Vernunftwesen begründet: aus der Würde des Menschen, leitet sich keinesfalls das Recht auf Selbstmord ab. Hier irrt das Bundesverfasssungsgericht. Noch abwegiger ist das darauf aufbauende Argument, aus einem falsch verstandenen Selbstbestimmungs- respektive Verfügungsrecht des einzelnen bzw. der Vertragsfreiheit zwischen Personen erwachse ein „Recht“ auf organisierte bzw. assistierte Beihilfe zum Selbstmord. Vielmehr wird hier die ultimative Verweigerung von Hilfe staatlich sanktioniert und juristisch legalisiert.
Richtig ist vielmehr, das bei assistiertem Selbstmord manche von der faktischen Möglichkeit des Selbstmords, welche ihnen zweifelsohne offen steht, keinen Gebrauch machen und auf Beihilfe nicht verzichten können oder wollen. Richtig ist jedoch auch, dass niemand anderen Personen effektiv verbieten oder daran hindern kann, sich zu töten -wer es tut, tut es- und wer tot ist, braucht keine Strafe zu fürchten. Weiterhin ist es geltende Rechtslage, das Assistenz bei der Selbsttötung durch Angehörige oder Ärzte, ohnehin nicht verfolgt wird, solange eine Wiederholung nicht zu erwarten ist. Das Problem ist also eher theoretischer bzw. ideologischer Natur. Ein neues positives Recht wird konstruiert. Wer jedoch andere braucht oder dabei einspannt, sich selbst zu töten, verlässt freiwillig oder unfreiwillig das Konzept schlichter freiheitlicher und rechtlich zustimmungspflichtiger Vertragsfreiheit.
Die kulturelle Ächtung von Selbstmord hat gute Gründe. Diese gilt es nun umso stärker zu betonen!

Patriotische Solidarität oder freiwillige Selbsthilfe?

In der aktuell äußerst kontrovers ausgetragenen Diskussion zwischen Libertären und Identitären (zuletzt hier), insbesondere zu den Themen Nation, Einwanderung und Sozialstaat, wird von den Identitären immer wieder der Begriff „patriotische Solidarität“ in den Diskurs eingebracht. Aus libertärer Sicht verdächtig nach nationalen Sozialismus klingend, weisen Identitäre dies- aus nachvollziehbaren Gründen- von sich. Was hat es nun mit diesem „patriotische Solidarität“ auf sich? Und wie kann eine libertäre Antwort darauf aussehen?

Auf Sezession, „Patriotische Solidarität und das Sozialsystem“ vom 21. April 2016 , schreibt Siegfried Waschnig zur patriotischen Solidarität, dass sich diese primär an „ethnokulturellen Notwendigkeiten“, „gleichen Anschauungen und Zielen“ orientiere und „unbedingtes Zusammenhalten“ bedeute. Im Gegensatz dazu unterscheide „Sozialismus“ respektive „sozial“, aufgrund egalitärer Weltanschauung, esplizit nicht zwischen „Herkunft, Talenten und realen Notwendigkeiten“, sei „gemeinnützig, hilfsbereit und barmherzig“.

Identitäre halten nun Libertären vor, diese lehnten „nationale Identitäten und Nationalstaaten als Wegwerfobjekte der Vergangenheit, „Völkerabfall“ (Engels) der Geschichte“ bzw. „Schutzgemeinschaften als unfair und Hindernisse für den Fortschritt ab“ bzw. fordern aufgrund ihrer liberalen Ideologie gar „Bevölkerungsaustausch, den Abbau aller Grenzen und die totale Mobilmachung des Menschen in einem Weltmarkt“ (Sezession, Martin Sellner, Kapitalistische Willkommenspolitik, vom 13. November 2019).

Das sind starke Behauptungen, die jedoch selbst einer oberflächlichen Überprüfung nicht wirklich standhalten (weder v. Mises, erst recht nicht v. Hayek oder Friedman vertreten eine solche Position) und aufzeigen, dass Sellner, wie viele Identitäre oder Nationalkonservative, den Liberalismus als solchen nicht wirklich kennen oder verstanden haben.

Zunächst einmal ist wohl richtig, dass Liberale das Thema offene Grenzen und Migration äußerst pragmatisch sahen und sehen, durchaus aber auch, aus wiederum pragmatischen Gründen (Hayek=Erstarken des Nationalismus, Friedman=Unvereinbarkeit mit dem Wohlfahrtsstaat), kritisch bewerten. Insbesondere Murray Rothbard hat nun eine, ausgehend von Beobachtungen in der Sowjetunion (Massenmigration als Kultur und Sprache vernichtend), dezidiert erkenntnistheoretisch begründete, ablehnende Position offenen Grenzen gegenüber entwickelt und formuliert. In eigentümlich frei, vom 15. November 2019, „Liberalismus und Migration bei Hayek, Friedman und Rothbard – Eigentumsrechte statt offene Grenzen“ schreibt Gérard Bökenkamp über die Position Rothbards:

Offene Grenzen sind kein libertäres Prinzip, sondern ein kommunistisches, weil es davon ausgeht, dass es Ressourcen wie Land, Zugang zu öffentlicher Daseinsvorsorge und Infrastruktur gibt, die praktisch allen Erdenbürgern gehören. Die Position offener Grenzen betrachtet diese als Allgemeineigentum der ganzen Welt und schafft damit das Problem der Allmende. Was allen gehört, gehört tatsächlich niemandem, und dementsprechend geschieht das, was immer geschieht, wenn kein Privateigentümer nach dem Rechten sieht, es verkommt und verödet. Rothbard hat damit mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Sein Modell bietet einen schlüssigen Ansatz, um die negativen Folgen von Massenmigration zu erklären. Er zeigt, dass es auf der Basis eines radikalliberalen Ansatzes möglich und sogar zwingend ist, das Konzept offener Grenzen zu verwerfen, ohne den methodischen Individualismus aufzugeben und etatistische und kollektivistische Konzepte von links oder rechts übernehmen zu müssen.

Damit ist der ersten Behauptung, Liberalismus stehe für „offene Grenzen“ und „Massenmigration“, die argumentative Grundlage entzogen. Wie sieht es nun mit der geforderten „Solidarität“ aus?

Auch hier hat der Liberalismus eine gut begründete Erwiderung. Professor Dr. Philipp Bagus weist in seinem Vortrag „Ein freier Markt für die Bedürftigenhilfe“ nach, dass vor dem Hintergrund der Geschichte und Theorie der freien und privaten Bedürftigenhilfe festzustellen ist, dass diese als Solidarprinzip ausreichend bzw. besser geeignet ist. Der Staat schafft keine neuen Ressourcen, er verteilt diese lediglich schlecht, bürokratisch und mit Eigeninteresse um.

Entgegen der identitären Kritik am Liberalismus, will der Mensch helfen, braucht dafür jedoch auch die Ressourcen. Je reicher eine Gesellschaft und je kleiner der Wohlfahrtsstaat, desto größer ist auch der Anreiz privat zu helfen. Der Ausnahmefall: eine Person ist vollständig mittellos und niemand will helfen. Das wird im Regelfall ein Schwerverbrecher sein. Hier erfüllt der gesellschaftliche Boykott eine wichtige soziale Funktion. Nur wer weiß, dass er bei schweren Verbrechen keine Hilfe mehr erhält, hat ggf. einen Anreiz sich anständig zu verhalten. In den historisch bekannten Selbsthilfeorganisationen wurden Verbrecher rausgeschmissen.

Die Existenz nationaler Solidarität- insbesondere bei einem 80 Millionen Volk, ist offenkundig ein identitärer Mythos. Solidarität in der Familie, zwischen Freunden oder Nachbarn gegenüber, dagegen ohne Beweis jedem einsichtig. Hier kommen aus Sicht des Liberalismus private Hilfe und Unterstützung (private Ersparnisse) bzw. freiwillige Selbsthilfeorganisationen ins Spiel. Professor Dr. Philipp Bagus nennt folgende Beispiele:

  • Versicherungen -> monetäre Entschädigung, genau definierte Schadensfällen, finanzielle Gewinnmaximierung
  • Familie -> Umverteilung auf Grund von Liebe und Zuneigung
  • Selbsthilfeorganisationen -> Gegenseitigkeit, Solidarprinzip, Ermessensspielräume, horizontale, demokratische Struktur, nicht nur monetäre, auch psychologische/spirituelle Hilfe, „Metaversicherung“
  • Wohltätigkeitsvereine -> Hilfsbedürftige kommen als Bittsteller, Abhängigkeit, „ultima ratio“, entweder direkt oder durch Organisationen (Kirche etc.)
  • allg. Nächstenhilfe -> Grundkonstante der menschl. Natur, evolutionär oder christlich begründet, außer Psychopathen, bereits die Frage, was wäre denn ohne Sozialstaat, zeigt, dass dies ein Grundmotiv, ein menschliches Bedürfnis ist, das im Markt nachgefragt und angeboten wird.

Die libertäre Antwort auf die „patriotische Solidarität“ besteht also in einem klaren „Nein Danke“! Und dies aus den o. g. stichhaltigen Gründen.

Können Christen Anarchisten sein?

Vor ein paar Tagen wurde auf Facebook folgende Frage gestellt: „Können Christen Anarchisten sein?“ Eine durchaus berechtigte und spannende Frage. Setzt man Anarchie doch landläufig mit Chaos, Willkür, Gesetzlosigkeit etc. gleich. Doch Anarchie bedeutet zunächst einmal nichts anderes als Herrschaftslosigkeit.

Im politischen Diskurs wird der Begriff bzw. das Konzept dann auch primär im sozialistischen Milieu verwandt. Letztlich geht es aber um nicht mehr, aber auch nicht weniger, als um die Abwesenheit von Staat und institutioneller Gewalt. Dies wird wohl der Hintergrund eingangs gestellter Frage sein. Aber dazu später mehr.

Zunächst einmal ist unstrittig, dass die Bibel „Obrigkeit“ voraussetzt. Daher erscheint die Frage nicht nur berechtigt, sondern augenscheinlich bereits abschließend beantwortet. Natürlich gehört eine Regierung, ein Staat in das Mindset von Christen, insbesondere ausgehend von Römer 13. wird doch der Staat an sich, als die von Gott eingesetzte Obrigkeit verstanden. Ist mit Obrigkeit jedoch tatsächlich die Herrschaftsform eines Staates gemeint?

Ich behaupte nein. Nachdem Israel die unmittelbare Herrschaft Gottes verwarf und sich, wie die benachbarten Volker einer irdischen Herrschaft, einem König unterwarf, benennt die Schrift zwei wesentliche Kriterien irdischer Obrigkeit: die Aufgabe der Rechtsprechung bzw. – durchsetzung und das Recht dafür eine Geldleistung (Steuern) zu bekommen.

»Ein König gibt durch Recht dem Lande Bestand, wer aber Steuern häuft, richtet es zugrunde.«
— Die Bibel, Sprüche 29:4

An vielen Stellen findet sich dies wieder. U. a. ausführlich in Römer 13. Gott spricht in Sprüche 29 allerdings bereits das entscheidende Problem an und weil ich es nicht besser formulieren kann, zitiere ich Hans-Herman Hoppe:

»Könige wurden schnell und in zunehmendem Maß zum Gegenteil dessen, wofür sie angeblich bestimmt waren: zu enteignenden Eigentumsschützern und rechtsbrechenden Rechtsbewahrern. Recht wurde zu Gesetzgebung, und Eigentumsschutz wurde gleichbedeutend mit Enteignung und Besteuerung.« Quelle

Ohnehin entspricht der moderne, herbeirevolutionierte demokratische Staat keiner biblischen Ordnung, wie bspw. „Familie“, „Kirche“ oder „Königtum“, sondern ist bestenfalls und solange den Menschen „zugut“ (Röm13:4), wie dieser Staat dem Gesetz Gottes nicht widerstrebt. Tut er dies, ist er, um mit Augustinus zu sprechen, nichts anderes als ein Räuber.

»Nimm’ vom Staat das Recht weg, was bleibt dann übrig als eine große Räuberbande?«
— Augustinus von Hippo

Äußerst fragwürdig daher, die Legitimation der Demokratie als Herrschaftsform. Insbesondere unter der Prämisse, dass Parlamente oder Regierungen willkürlich Gesetze nach eigenen Vorstellungen und Werten beschließen, um diese dann zu „Recht“ zu erklären. Eine völlig absurde Vorstellung!

Daher stellt sich auch aus christlicher Sicht, jenseits von Monarchie, Diktatur etc. die Frage nach Alternativen zur Demokratie. Und hier zurück zur Anarchie. Anarchie, die sehr wohl gesellschaftliche Selbstorganisation und damit Recht, Gesetz und Ordnung besitzen kann. Hans-Herman Hoppe und andere Libertäre benutzen statt dessen eher den Begriff „Privatrechtsordnung“ bzw. -gesellschaft. einem Modell mit Minimalstaat (Minarchismus), oder gleich ganz ohne Staat.

Diese Privatrechtsordnung gründet ausschließlich auf freiwillig verhandelten, realen Verträgen (keinem aufgezwungenen, imaginären Gesellschaftsvertrag) und tradiertem Recht (BGB, Strafrecht etc.). Wobei unabhängige Richter und Gerichte den Platz der Obrigkeit einnehmen und „Steuern“ ausschließlich zu diesem Zweck erhoben werden. Alles andere geschieht im Rahmen freiwilliger Entscheidungen, Verträge und Vereinbarungen.

Abwegig oder neu ist dies zudem nicht. Bevor der moderne Staat unter Bismarck die freiwillige Selbstorganisation der Gesellschaft zerstört und Zwangsmitgliedschaften im staatlichen Monopolsystem eingeführt hat, war die Gesellschaft auf einem durchaus guten Weg die Ideale der Freiheitsbewegungen (Recht auf Freiheit, Eigentum, Sicherheit und auf Widerstand gegen Unterdrückung) zu erreichen. Die Mehrheit war bereits auf die eine oder andere Art freiwillig abgesichert. Aber mit Einführung des bismarck’schen Staatssozialismus bzw. Sozialstaates und moderner Demokratie, als angeblich milder und selbstbestimmter Herrschaftsform, wurde der Weg für eine umfassende, tief in das Privatleben eingreifende und damit letztlich totalitäre Herrschaft gebahnt.

Anarchie bzw. die Privatrechtsgesellschaft wäre dagegen eine zutiefst demokratische Gesellschaftsform. Jeder herrscht frei, gewaltlos und selbstbestimmt über sich und alles was er besitzt und kann, solange er die Herrschaft eines anderen über sich und sein Eigentum nicht beschränkt, tun und lassen was er will. Geschieht dies dennoch, sprechen unabhängige Gerichte Recht.

Dies würde auch der Kirche einen neuen, verlorenen Stellenwert in der Gesellschaft zurückgeben. Denn neben der natürlichen, menschlichen Wohlfahrt in Familie, Nachbarschaft etc., den humanistisch oder christlich begründeten Selbsthilfeorganisationen und Wohltätigkeitsvereinen würde auch diese wieder jene Aufgaben übernehmen, mit der sie sie seit Anfang an beauftragt ist und früher auch ausgefüllt hat.

Deshalb: Können Christen Anarchisten sein? Ja!

Wer ist Greta Thunberg?

„Politische Narrative“ beschäftigen sich mit der Sinnvermittlung öffentlicher Kommunikation. Ziel und Zweck dieser Herrschaftstechnik ist es, das Denken einer ganzen Gesellschaft zu steuern und zu lenken, politische Geschehnisse zu deuten, zu erklären, zu rechtfertigen und zu legitimieren. Dies am besten unerkannt von der Wiege bis zur Bahre.

Das derzeitig vorherrschende politische Narrativ- neben anderen sekundären Themen- ist primär der „menschgemachte Klimawandel“. Und innerhalb der übergreifenden, großen Meta-Erzählung, gibt es immer wieder kleinere Erzählungen und Nebenstränge, die jedoch stets das große politische Narrativ unterstützen.

Damit wären wir bei Greta Thunberg. Für Presse und Politik ist die 16 jährige, kleine Schwedin, eine nahezu perfekte Identifikationsfigur. Wäre Greta nicht im Mai 2018 zufällig aufgetaucht (Im Mai 2018 wurde die 15-jährige Thunberg Preisträgerin eines Schreibwettbewerbs zur Umweltpolitik), man hätte sie erfinden müssen.

Doch halt: wirklich zufällig? Nun gab es sofort auch viel Misstrauen und Vorwürfe der Vorteilnahme seitens des Vaters (CO2-Zertifikate) bzw. der Inszenierung durch profilierungssüchtige Eltern. Wer weiß. Aktuell wurde Greta zur „Frau des Jahres 2018“ in Schweden gewählt und ist für den Friedensnobelpreis nominiert!

Auf jeden Fall viel Stoff für jede Menge interessanter Artikel und investigativen Journalismus. Diesbezüglich ist jedoch größtenteils Fehlanzeige zu vermelden. Politik und Medien nutzen die Figur Greta ausschließlich als Vermarktungsobjekt bzw. Galionsfigur ihrer jeweiligen oder gemeinsamen Agenda.

Sei es mit den #FridaysforFuture, bei denen Schüler missbräuchlich vom Schulunterricht ferngehalten werden:

Am 2. März 2019 lobte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Schülerdemonstrationen in ihrem Video-Podcast:

Ich unterstütze sehr, dass Schülerinnen und Schüler für den Klimaschutz auf die Straße gehen und dafür kämpfen. Ich glaube, dass das eine sehr gute Initiative ist. Wir können unsere Klimaschutzziele nur dann erreichen, wenn wir auch Rückhalt in der Gesellschaft haben.“
– Angela Merkel: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

oder für sogar als Begründung für die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre:

Bundesjustizministerin Katharina Barley (SPD) erklärte am 1. März 2019 gegenüber der Passauer Neuen Presse:

Diese Proteste, bei denen Schülerinnen und Schüler Freitag für Freitag für ihre Zukunft auf die Straße gehen, verdienen hohen Respekt: Solche jungen Leute wünschen wir uns.“ Doch die Jugendlichen hätten noch kein Wahlrecht, das sie ausüben könnten. „Wir sollten ein Wahlrecht ab 16 Jahren einführen.“

Doch zurück zu Greta: Wer ist diese Klima-Aktivistin, Tochter der Opernsängerin Malena Ernman und des Schauspielers Svante Thunberg, mit Asperger-Syndrom? Eins ist mal sicher: kein normales Mädchen von nebenan. Welches Mädchen von nebenan, dass im Mai einen Schreibwettbewerb gewinnt, nimmt sieben Monate später an einer UN-Klimakonferenz teil, trifft den UN-Generalsekretär, hält eine Rede auf dem Gipfel und erhält weltweit mediale Aufmerksamkeit und Unterstützung?

Möglicherweise die Nachfahrin des Begründers der ganzen Klimawandel-Erzählung?

Svante August Arrhenius (19. Februar 1859 † 2. Oktober 1927) war schwedischer Physiker und Chemiker und erhielt 1903 den Nobelpreis für Chemie. Aber nicht nur das. Svante Arrhenius selbst ist Mitgründer und langjähriger Direktor des Nobelinstituts, als welcher er für die Vergabe der Nobelpreise mitverantwortlich gewesen ist. Es ist weiterhin Svante Arrhenius, der 1895 die Theorie zum Treibhausgaseffekt und einer damit verbundenen Erderwärmung aufstellt!

Weitere Mitglieder der Familie sind in der Folge wissenschaftlich, politisch und aktivistisch tätig und als solche in Schweden bekannt. Unter anderem die Politikerin und Aktivistin der Grünen, Anna Horn, langjähriges Mitglied des schwedischen Reichstages und Gründerin mehrerer Stiftungen.

Dies alles wurde nicht von Journalisten recherchiert, sondern von misstrauischen Privatpersonen. Und damit wären wir wieder bei den politischen Narrativen als Herrschaftsmittel. Gretas Erscheinen, ihr Wirken und auch die politische Bezugnahme auf sie ist eines sicher nicht: Zufall.


Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=4rAcz18wsro

Freiheit versus Knechtschaft

Die Bibel kennt und berichtet von Gesetzen und Geboten. Zunächst ein einziges Gebot: die Geschichte von Adam, Eva und dem vermeintlichen „Apfel“ berichtet uns davon. Mit Mose gab Gott dem Volk Israel die 10 Gebote und in Christus das Doppelgebot der Liebe.

Gesetze, Vorschriften, Verordnungen, Regulierung, Paragraphen und Artikel… das liebt der Piefke jedoch sehr. Wie ich meine, viel zu sehr! Ähnlich den Pharisäern, gilt bei uns: je mehr desto besser. Und für den Nachbarn bzw. denen, mit anderen Interessen als den eigenen, gleich umso mehr davon. Straßenmusiker dürfen in Berlin nur noch leise spielen, Buntstifte mit Blei, Diesel, Rauchen, Plastik, Süßes… alles verbieten!

Und gemeint ist es natürlich immer gut!

Ja, der Deutsche liebt seinen Obrigkeitsstaat, nimmt gern politisch-mediales Nudging (Verhaltensökonomische Methodik zur subtilen Beeinflussung menschlichen Verhaltens) hin, befürwortet ausdrücklich hohe Steuern (Deutschland erreichte auf einer Skala von 1 (geringe Akzeptanz) bis 10 (starke Akzeptanz) einen Durchschnittswert von 7,0; Quelle) und sehnt ein Verbot ungesunder Lebensmitteln (64%; Quelle) herbei.

Mit Freiheit und Eigenverantwortung hat er es dagegen nicht so.

Damit kein Zweifel aufkommt: jede Gesellschaft braucht Regeln des Zusammenlebens. Ob im Privaten, dem Verkehr oder in der Geschäftswelt. Dabei sollte jedoch stets sowohl der Grundsatz
So viel wie nötig, so wenig wie möglich“ zur Anwendung kommen, wie auch die Regel, Gesetze immer wieder auf ihre Notwendigkeit zu überprüfen.

Warum? Zunächst einmal aus praktischer Erwägung. Jedes erlassene Gesetz bedarf der Durchsetzung und Kontrolle und verursacht dadurch erheblichen bürokratischen Aufwand und damit Kosten.

Wichtiger jedoch: jedes Gesetz verursacht einen Eingriff in die persönlichen Freiheitsrechte des einzelnen. Es mag den wenigsten bekannt oder bewusst sein, aber die Grundrechte des Grundgesetzes sind Freiheitsrechte der Bürger vor dem Staat! Aus eben diesem Grund bedarf es grundsätzlich eines Gesetzes, wenn der Staat die Freiheit der Bürger verletzt. Das gilt für den Eingriff in das Eigentum (Steuern, Abgaben!) ebenso, wie für die Familie (Schulpflicht) und viele weitere Bereiche.

Die Liebe des Deutschen zu seinem Staat als Tugendbehörde, auch des Sozial- bzw. Wohlfahrtsstaates, welcher Gutes erzwingt und Schlechtes verbietet ist jedoch ein Weg in die Knechtschaft (vgl. v. Hayek, Der Weg zur Knechtschaft). Egal ob rechter oder linker Totalitarismus, Sozialismus oder Faschismus, offene Diktatur oder schleichende Gängelung. Überall dort, wo in das Recht des Einzelnen auf Privateigentum, Vertragsfreiheit und persönliche Freiheit eingegriffen oder dieses gar verboten wird, ist die Freiheit bedroht oder bereits in Knechtschaft umgeschlagen.

Canon fidei versus canon charitatis?

Dr. Markus Till hat einen Artikel mit dem Titel „Vom Pferd gefallen“ geschrieben. In diesem geht es ihm um „die Kunst, Fehlentwicklungen offen anzusprechen und sich zugleich ein weites Herz zu bewahren“. Ich möchte ihm sehr gerne antworten und meine Gedanken zum Thema und seinem Artikel niederschreiben.
Es ist ein gutes, ein wichtiges Thema! Ein Thema das die Christenheit seit Jahrtausenden begleitet. Denn das Eintreten für bzw. die Verteidigung des Evangeliums ist Kernauftrag der Kirche. Wichtig, weil die Schrift dies fordert. Ebenso darf eins darüberhinaus jedoch nicht vergessen werden, weil uns die Schrift ebenso dazu auffordert: die Liebe untereinander.

Canon fidei versus canon charitatis?

Luther empfahl deswegen im Zweifelsfall den „Maßstab der Liebe“ anzulegen – dem „canon charitatis“ zu folgen und das Christsein des andern anzunehmen. Das letzte Urteil über den „Maßstab des Glaubens“ des Herzens kommt Gott allein zu; Gott sieht das Herz an.

Dennoch aber müssen wir uns, was unsere Verantwortung für die lehrmäßige Entfaltung der christlichen Wahrheit betrifft, um höchstmögliche Klarheit und Deutlichkeit bemühen. „Es ist Sache der Liebe“, sagt Luther, „alles zu ertragen [1Kor 13,7] und allen zu weichen. Dagegen ist es Sache [der öffentlichen Lehre] des Glaubens, schlechthin nichts zu ertragen und keinem zu weichen.“ Das ist der sogenannte canon fidei.

Ich beurteile diese Regel nicht nur als nützlich, sondern als eindeutig biblisch geboten. Der canon charitatis für das Urteil über den Bruder, der canon fidei für die Beurteilung der Lehre.
Gleich zu Beginn, als Hinführung und „warm up“ sozusagen, schreibt Dr. Markus Till von einem, ihn schockierenden Buch über die Verfolgung der Täuferbewegung im 16. und 17. Jahrhundert und sein Entsetzen, wie bspw. Martin Luther solch, aus unserer Perspektive natürlich entsetzlichen Vorgänge unterstützen konnte. Nun könnte man, dem angeführten Link argumentativ folgen und Luther insofern in Schutz nehmen, als das dieser wohl unter dem Einfluss Melanchthons so gehandelt hat. Aber das wäre genauso zu kurz gesprungen, wie diese Anekdote grundsätzlich als „warm up“ zu nutzen. So werden emotionale Weichen gestellt, nicht jedoch sachlich Argumente vorbereitet.

Das Bild vom Pferd oder tertium non datur

Kommen wir zum Bild: Dem Pferd, von dem man von zwei Seiten fallen kann. Ja, man kann und mag dieses Bild  durchaus verwenden, wenn tatsächlich nur zwei Seiten existieren. Ansonsten ist es logisch schlicht irrig, ein Denkfehler: tertium non datur, wörtlich „ein Drittes ist nicht gegeben“ oder „ein Drittes gibt es nicht“.
Wir haben es bei der hier behandelten Frage eben nicht mit dem sprichwörtlichen Pferd zu tun, bei dem es neben der Einheit auf Kosten der Wahrheit und den falschen Mauern aus menschlicher Erkenntnis keine weiteren Aspekte gibt. Denn wie uns Luther oben lehrt, sind lehrmäßig feste, hohe Mauern und weite Herzen eben kein Widerspruch, sondern existieren parallel.
Ein paar weitere grundsätzliche Gedanken: Mit Sprache, d. h. bestimmten Begriffen (Trigger) oder Formulierungen, kann ebenso wie mit Emotionen (s. o.) von der eigentlichen Sache ablenken. Wenn Paulus z.B. unterstellt wird, dieser sei „flexibel bei bestimmten Fragen“ oder „bereit sich kulturell vollständig anzupassen“ mag man das vielleicht als flapsige Ausdrucksweise abtun, aber das würde das damit verbundene Problem nicht angemessen beschreiben.
Denn Paulus war lehrmäßig keineswegs flexibel. Dies würde ja implizieren, Gott selbst habe sich nicht festgelegt. Es gibt auch keinen „Graubereich“ in den meisten darunter subsumierten Fragestellungen. Nur Unkenntnis. Im Zweifelsfall auf allen Seiten. Im Bezug auf das Götzenfleisch bedeutet dies, im Hinblick auf die hier diskutierte Fragestellung, dass lehrmäßig (canon fidei) klar und unmissverständlich der Verzehr erlaubt gewesen ist (heute stellt sich diese Frage regelmäßig nicht mehr). Das ist ein universelles
Dogma ohne Hintertür! Im Umgang mit den (lehrmäßig oder anderweitig) schwachen Geschwistern jedoch, dass man sich des Verzehrs vor den Geschwistern davon enthielt und diese Schwäche in Liebe solange ertrug (canon charitatis).
Paulus hat sich auch in keiner Weise „kulturell angepasst“. Bei „kultureller Anpassung“ denkt man sofort auch an die emergenten Konzepte „missional“ und „Transformation“. Nein, Paulus hat als Jude noch viele Kultvorschriften, die dem Gesetz nach gefordert waren, unter Juden gehalten, unter Heiden jedoch, weil das Gesetz in Christus erfüllt wurde, jedoch nicht gehalten. Dies mag oberflächlich betrachtet als Anpassung erscheinen, ist dem biblischen Kontext folgend jedoch Rücksichtnahme auf Geschwister auf Grundlage seiner Freiheit als Gläubiger in Christus.

Die 1-Million-Euro-Frage ist zu „billig“

Die Pferd-Frage haben wir bereits betrachtet. Kann man also die „1-Million-Euro-Frage“ stellen? Ich meine, man kann nicht! Und schon gar nicht so defizitär auf Christus und die Schrift begrenzt. Da ist, wer immerhin die reformatorischen Soli als Grenze anerkennt, ja bereits richtig eng!
Ein kluger Mann, den auch Dr. Till zitiert, hat zur Einheit der Kirche folgendes gesagt:
„Ich bin mir ganz sicher, daß wir die Einheit am besten fördern, wenn wir die Wahrheit fördern. Es wird uns nichts nützen, wenn wir alle vereint sind, indem sich jeder unter die Irrtümer des anderen beugt. Wir sollten einander in Christus lieben; aber wir sollten nicht so vereinigt sein, daß wir außerstande sind, die Fehler des anderen und besonders die eigenen Fehler zu erkennen. Nein, reinigt das Haus Gottes, und dann werden herrliche, gesegnete Zeiten über uns anbrechen.“
C.H. Spurgeon
Das heißt: um Wahrheit muss, trotz und gerade auch um der eigenen Fehler willen, gerungen werden! Keine Flexibilität oder Lehrweite… Dafür lässt auch Spurgeon nicht vereinnahmen.

Anmerkungen zu den Prinzipien für die Prüfung von Lehren und Bewegungen

zu 1. Niemals Fehlerfreiheit erwarten!
Richtig, kein einzelner Gläubiger hat eine vollkommen richtige und ausgewogene Theologie. Und die Ermahnung des Paulus (Röm.12,16) ist da vollkommen zu recht angeführt. Allerdings kennt die Schrift nicht nur den einfachen Gläubige, sondern zunächst auch noch lehrbefähigte Gläubige d. h. Lehrer/Älteste und zudem die Kirche als solches. Von Lehrern kann man bspw. durchaus erwarten mehr zu wissen. Deswegen warnt die Schrift davor, zu schnell als Lehrer aufzutreten (Jak.3,1). bzw. zu schnell die Hände aufzulegen . Des Weiteren erwartet die Schrift sehr wohl, dass das einmal überlieferte Evangelium gekannt, gelehrt und verteidigt wird.

Historischen Irrlehren wurde oft auf Kozilien und Synoden allgemein und verbindlich für die ganze Kirche widersprochen. Die altkirchlichen Bekenntnisse zeugen davon.
Daher weiterhin ja zum canon charitatis, der Annahme des Christseins des Anderen, jedoch nein zur lehrmäßigen Weite bei der Beurteilung der Lehre anderer Christen! Und Paulus sagt eben nicht in diesem Kontext „gelassen“:„Prüft alles und behaltet das Gute“ (1.Thess.5,21). Dies sagt er im Kontext (!) einer Ortsgemeinde und dort bezogen auf Weissagungen (egal wie man diese nun definiert).
zu 2. Hochmut und Geistlosigkeit tötet
Wer sich im Dienst der Unterscheidung betätigen will braucht dazu ohne Zweifel den Heiligen Geist. Allerdings- wieder unabhängig wie man zu der charismatischen Position duesbezüglich steht- hat sich der Heilige Geist dazu herabgelassen, sich in schriftlich verfassten Texten nachprüf- und verifizierbar zu äußern. Wer hier lieb- und geistlose Buchstabenwahrheit bzw. ein tödliches Prinzip (2.Kor.3,6) anmahnt, sollte die jeweiligen Texte angemessen auslegen. Denn in 2.Kor3:6 wird der Buchstabe keineswegs als tot bezeichnet sondern als jemand der tötet! Hier steht ein aktives Partizip und beschreibt ein aktives handeln des Buchstabens. Das ist der Unterschied zwischen einem Mörder und einer Leiche. Die Leiche ist passiv weil sie tot ist, der Mörder ist aktiv weil er jemanden getötet hat. Unser Buchstabe hier ist der Mörder und nicht die Leiche! In 2 Kor. 3 steht also nichts anders als in Hebr. 4,12:
Hebr4:12Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Klärung bringt also das Suchen und Forschen in der durch den Heiligen Geist verfassten Schrift (Apg17:11) und nicht nur ein nebulöses „brauchen“ des Geistes!
zu 3. Durchgängigkeit des biblischen Zeugnisses
Kontext! Kontext! Kontext! Mit der Beachtung dieses Prinzips lassen sich die schlimmsten Fehler bereits vermeiden. Auch die Frage nach der Rolle der Frau beim Predigen und Leiten. Auch hier geht es- wie bei der Frage der Homosexualität- eben nicht lediglich um unterschiedliche Akzente, die man setzten und flexibel sein kann, sondern um biblische Wahrheit die wichtig ist und beachtet werden will. Entweder ja oder nein, kein nebeneinander von verschiedenen Wahrheiten.
zu 4. Verwurzelung in Tradition und Bekenntnis
Absolut einer Meinung. Die Wichtigkeit von Bekenntnissen kann gar nicht genug betont werden. In Bekenntnissen wird Christus vor Gott und den Menschen bekannt und darüber hinaus Rechenschaft über den Inhalt des Glaubens abgelegt. Desweiteren stellen Bekenntnisse eine verbindliche Grenze zum Schutz gegenüber nicht-biblischen Lehren und Praktiken nach innen dar und vertreten die überlieferte Wahrheit aktiv nach außen. Nicht zuletzt vermitteln Bekenntnisse Kindern und Erwachsenen die wesentlichen Inhalte des biblisch-christlichen Glaubens und helfen dabei bei eines Sinnes zu sein und echte biblische Einheit zu leben.
zu 5. Das Kriterium der Frucht
Im Prinzip vertrete ich eine ähnliche Meinung. Aber man kann sehen, dass dieses Prinzip interpretationsfähig ist. Denn die Frucht der Pfingstbewegung bewerte ich, mit vielen anderen, nicht eben positiv. Ebenso die Frucht der „Berliner Erklärung“. Auch diese wird wohl nach wie vor unterschiedlich bewertet. Die Auffassung Menschen seinen aufgrund dieser Erklärung für immer verloren gegangen bzw. der daraus resultierenden tiefen Spaltung der Kirche ist, freundlich ausgedrückt, höchst befremdlich. Hat also Christus Menschen verloren, die ihm der Vater gegeben hat?
zu 6. Statt Richten lieber öfter mal die Klappe halten
Auch hier gilt wieder: Kontext! Kontext! Kontext!
Wenn Christus in Mt 7:1ff von „richten“ spricht, dann ist damit nicht das Beurteilen der Glaubensüberzeugungen anderer Menschen gemeint, sondern deren Verhalten. Jesus selbst hat ja ständig die Lehren der Sadduzäer und Pharisäer gerichtet bzw. verurteilt.
Anbei eine kleine Liste von Stellen, in denen das urteilen/richten von Lehre ausdrücklich gefordert wird: Kol 2:8; Gal 1:6; 1 Joh 2:22; 2 Joh 1; 1 Kor 15:12; Apg 20:29; 2 Kor 11:13; 1 Joh 4:1; 1 Tim 4:16.
Es kann also weniger darum gehen, die Klappe zu halten, sondern sich vielmehr darum, sich mit dem Wort Gottes zu beschäftigen um eine Lehre beurteilen zu können. Dann darf und soll man auch seine Klappe aufmachen, weil dann nämlich Gott selbst Richter ist und man nicht seine Gefühle oder den Irrtum „Weite“ herrschen lässt.

Anmerkungen zu Vorsicht Falle: 6 fragwürdige Prüfungskriterien

zu 1. Formen:
Zu kurz gesprungen und Strohmänner gebastelt. Niemand der Schlagzeug, Band oder moderne Lobpreismusik ablehnt, tut dies regelmäßig aus den genannten Gründen (Dämonen). Insofern ist hier die Argumentation- auch in dem abwertend konstruierten Zusammenhang zwischen alten Chorälen und schrumpfenden Gemeinden fragwürdig. Da hier kein Raum für eine breite Diskussion zu diesem Thema ist nur soviel: Der Inhalt hat die Form zu bestimmen. Mir scheint, hier von Gottesstrafen zu fabulieren im höchstem Maße vermessen!
zu 2. Gefühle 
Gott ist der Schöpfer menschlicher Emotionalität, wer bezweifelt dies. Aber auch hier gilt nur kurz angemerkt: der Inhalt hat die Form- hier die Emotionalität- zu bestimmen. Dies wird sich bspw. kulturell unterschiedlich äußern. Wenn jedoch in deutschen Gottesdiensten afrikanische Emotionalität gefördert wird, darf dies zu recht in Frage gestellt werden. Der Vorwurf des „verkopften Christentums“ müsste ausgeführt werden. Interessant jedoch, das ausgerechnet diese Kritik auch von J. Hartl geteilt wird.
zu 3. Überinterpretierte Einzelzitate: 
Kontext! Kontext! Kontext!
zu 4. Falscher Beifall: 
Man sollte niemanden verurteilen, weil er mal einen Irrlehrer zitiert hat oder von zweifelhaften Leuten Beifall bekommen hat. Aber wenn die Schrift fordert, uns vor der Gemeinschaft mit Irrlehrern zu enthalten, im Zweifelsfall nicht einmal zu grüßen (2.Joh 7-11), sollte man zweifelhafte Personen lieber nicht, oder nur gekennzeichnet zitieren.
zu 5. Unterschiedliche Begriffsfüllung: 
Auch wenn man die eigene Blase, um wirklich zu verstehen, wie Andere ticken und wie ihre Äußerungen gemeint sind, nicht unbedingt verlassen muss, sollte man die andere Blase zumindest gut kennen. Denn Kommunikation ist tatsächlich eine schwierige Sache. Aus eben diesem Grund verwendet Paulus bspw. den Begriff „anderer Christus“. Oftmals gleicher Name, aber vollkommen andere Person dahinter.
zu 6. Unterstellungen und Einseitigkeit: 
In der Tat ein Problem. Man sollte niemals vorschnell urteilen, sondern nur aufgrund eingehender Prüfung und Beschäftigung. Vor allem immer bei der Sache bleiben, nicht persönlich werden. Ansonsten immer auch die direkte Auseinandersetzung suchen, zumindest Artikel, Bücher oder ausführliche Rezensionen gelesen haben.

Zurück zum Pferdebild: In den Sattel steigen heißt leider oft auch auf anderes zeigen

Richtig und wichtig ist in der Tat, dass man bei jeder Diskussion immer auch die Bereitschaft mitbringen sollte, seine eigene Position zu hinterfragen. Genauso unbequem ist es jedoch, die Position eines anderen zu hinterfragen, da dies selten gern gesehen und man schnell als Ankläger und Nestbeschmutzer angesehen wird.
Daher am Ende auch nochmal in aller Deutlichkeit: Es gibt kein entweder oder, kein Wahrheit oder Liebe, sondern beides gleichzeitig. Man kann weder das eine gegen das andere ausspielen, noch wäre eines wichtiger als das andere.

Kapitalismus – christlich akzeptable Wirtschaftsordnung?

Zunächst einmal kann festgestellt werden, dass für das Zusammenleben von Menschen- im Kleinen wie im Großen- stets Ordnung benötigt wird. Im Hinblick auf das Regierungssystem wird aktuell Demokratie und Rechtsstaat als allgemein akzeptierte Ordnung und Rahmen gesicherter gleicher Handlungsfreiheit und Mitwirkungsmöglichkeit angesehen. Gleichermaßen verhält es sich mit Fragen des Geldes und der Arbeit, auch diese benötigen eine Ordnung, eben eine Wirtschaft- bzw. Sozialordnung.

Auch wenn aus christlicher Perspektive keine Regierungsform bzw. Wirtschaft- bzw. Sozialordnung biblisch oder unbiblisch ist, gibt es doch durchaus menschliche Systeme, die unter den gegebenen Umständen einer gefallenen Welt, einigermaßen „gerecht“ sein können.

Beim Nachdenken über diese Frage, geht es, bedenkt man Augustins „De civitate Die“ oder Luthers „Zwei-Reiche-Lehre“, um eine säkulare Staats- und Gesellschaftsordnung (civitas terrena). Und um die gefallene Schöpfung, speziell die menschliche Natur unter der Knechtschaft der Sünde (Anthropologie des Menschen).

Christliches Utopia

Christen machen sich nun seit Jahrhunderten Gedanken über eine gerechtere und soziale Staats- und Gesellschaftsordnung. Mit dem Roman „Utopia“ des englischen Staatsmanns und katholischen Klerikers Thomas Morus (englisch Thomas More, 1478–1535) erschien vor 500 Jahren, der erste Sozialismusentwurf[i].

Vertraut man nun auf diverse Christen- vor allem aus linkskatholischen/-evangelikalen Gruppen bzw. deren Ideologen- gibt es, im Hinblick auf die Wirtschaftsordnung tatsächlich keinen Zweifel daran, dass eine Form des Sozialismus oder „Kommunismus des Urchristentums“ „christlich“ bzw. biblisch geboten ist.

Anhänger dieser Ideologie, eines christlich motivierten bzw. kirchlichen Sozialismus, sind weiterhin nicht nur in den klassisch linken Parteien (SPD, Die Grünen, LINKE) zu verorten, sondern- für viele durchaus überraschend- auch fest verankert in der CDU/CSU.[ii]

Ein solch kirchlicher Sozialismus existiert, natürlich je nach konfessioneller Spielart, in allen Kirchen und Freikirchen. Dort wird dieser durchaus theologisch begründet, als politisch-diakonische Befreiungstheologie, als eschatologische Vorwegnahme des kommenden Gottesreiches oder als ein auf Fragen des Sozialen oder der Gerechtigkeit dekonstruiertes Evangelium vertreten.

Was nun gleich gänzlich ausgeschlossen werden kann, ist die Behauptung, es gäbe überhaupt einen Unterschied zwischen normalen und kirchlichen Sozialismus.[iii]

Betrachtet man die unrühmliche Geschichte bzw. den fehlenden Erfolg der bisherigen Versuche mit Hilfe des Sozialismus/Kommunismus, eine funktionierende bzw. gerechte Staats- und Gesellschaftsordnung zu errichten, ist festzustellen, dass dessen Scheitern eine logische Folge dieser Ideologie darstellt.

Nehmen – Sozialismus

Sozialismus, also die Verstaatlichung der Produktionsmittel, der Umverteilung des Privatvermögens bis Gleichheit erreicht ist, muss als „Wirtschaftsform des Nehmens“ (Prof. Martin Rhonheimer[iv]) bezeichnet werden. Die Idee des Sozialismus ignoriert die Natur des gefallenen Menschen bzw. appelliert an dessen schlechtesten Eigenschaften: Neid, Faulheit, Initiativlosigkeit, Vorteilsnahme etc. In der Realität bedeutet dies ohne Ausnahme: Umverteilung bis alle gleich arm sind.

Wieso halten trotzdem viele Christen, selbst wenn sie nicht durch den real existierenden Sozialismus sozialisiert wurden, ausgerechnet Sozialismus für christlich akzeptabel oder gar geboten?

Offensichtlich deshalb, weil ihnen die Utopie des Sozialismus suggeriert, durch allgemeine Gleichheit eine gerechte Wirtschafts- bzw. Sozialordnung herstellen zu können. Bei näherer Betrachtung ist jedoch offenkundig, dass durch Gleichheit keine „Gerechtigkeit“ und erst recht kein wirtschaftlicher Erfolg hergestellt werden kann.

Bereits der griechische Philosoph Aristoteles zeigte auf, dass Gerechtigkeit bedeutet Gleiche gleich und Ungleiche ungleich zu behandeln (Aristoteles’ Grundsatz formaler Gerechtigkeit[v]). Ökonomisch ausgedrückt: Gerecht ist, wenn das Gleiche nur der bekommt, der das Gleiche tut.

Viele Christen lehnen Kapitalismus aber auch wegen seines schlechten Rufes ab bzw. sie gar nicht wissen was diesen ausmacht.

Durch Karl Marx abwertend verwandte Begriffe wie „Kapitalismus“, „Kapital“ oder „Kapitalist“, werden heute ganz allgemein, nicht erst durch die Kritik am „Raubtier- oder Turbokapitalismus“ negativ verwendet und als unsozial grundsätzlich abgelehnt. [vi]

Dabei ist bspw. das Sparen d.h. das Ansammeln von Kapital ein positives und wesentliches wirtschaftliches Element, nicht primär um reich zu werden, sondern auch um für Zeiten der Not vorzusorgen.

Geben – Kapitalismus

Der Kapitalismus, die Marktwirtschaft als Sozial- und Wirtschaftssystem, erkennt dagegen die sündhafte und eigennützige Natur des Menschen an und basiert auf dem oben angeführten simplen aristotelischen Prinzip. Er fördert individuelle Freiheit und Selbstverantwortung: Man erntet was man sät. So wie der Sozialismus die Wirtschaftsform des Nehmens ist, ist der Kapitalismus letztlich die „Wirtschaftsform des Gebens“ (Prof. Martin Rhonheimer):

„Die Marktwirtschaft ist durch zwei Elemente gekennzeichnet: es besteht Sondereigentum an den Produktionsmitteln und Arbeitsteilung. Jeder handelt für sich, doch jedermanns Handeln ist mittelbar auch auf die Erfüllung der Zwecke der anderen Handelnden gerichtet. (…) Jeder gibt, um zu empfangen; jeder dient, um bedient und bedankt zu werden. Jeder ist Zweck und Mittel zugleich: Zweck sich selbst und Mittel allen anderen zur Erreichung ihrer Zwecke.“ Ludwig von Mises, „Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens“

Kapitalismus stellt den Menschen, dessen natürliche Rechte, inklusive dessen individuelle Freiheit, und sein privates Eigentum in den Mittelpunkt eines gerechten Sozialsystems. Jeder kann reicher, aber auch ärmer werden. Jeder Mensch hat seine wirtschaftliche Situation, gewissermaßen selbst in der Hand.

Auf der Suche nach einer christlich gebotenen Wirtschafts- und Sozialordnung wäre also besser gefragt, ob eine Wirtschaftsordnung möglich ist, welche das biblische Urteil über die Gegebenheiten dieser Welt und des Menschen anerkennt und sich daran ausrichtet.

Geben ist seliger als nehmen – Christliches Wirtschaftsverständnis

Gleich zu Beginn der Geschichte wurde der Mensch aus dem Paradies, dem tatsächlich biblischen „Utopia“ vertrieben. Damit stand und steht auch das soziale und wirtschaftliche Handeln in dieser Welt, unter den Folgen des Sündenfalls (Mühsal und Anstrengung[vii]).

Durch die Schrift zieht sich ein roter Faden, nach dem Haushalterschaft (sinnvolles, sparsames Wirtschaften) nicht bloß erstrebenswerte Tugenden sind, sondern sich daraus gerechte Folgen für das Leben ergeben[viii].

Kapitalismus, als säkulare Ordnung in Fragen der Wirtschafts- und Sozialordnung ist somit nicht nur vorteilhaft und effizient, weil sie der menschlichen Natur entspricht, Kapitalismus kann aus christlich-ethischer Sicht durchaus als geboten bezeichnet werden.

Moralität (Eigeninitiative, Freiheit und Selbstverantwortung) und Ethik (Wahlfreiheit und Verantwortung für das eigene Handeln) sind Voraussetzung und notwendiger Rahmen eines funktionierenden Marktes. Wer auf Grundlage des biblischen Prinzips der Haushalterschaft, mit Voraussicht, Fleiß, Selbstbeherrschung, Kooperationsbereitschaft wirtschaftet, wird für seine Mühsal und Anstrengung belohnt.

Der Kapitalismus entspricht somit sowohl am besten der Natur des Menschen, wie er die effektivste Ordnung des Wirtschaftens ist.

 

[i] http://www.linke-buecher.de/texte/romane-etc/Morus–%20Utopia.pdf

[ii] (Strömungen innerhalb des deutschen politischen Katholizismus, die sich aus religiösen Motiven auf der linken Seite des politischen Spektrums positionierten s. a.  Zentrumspartei). Bekannteste Beispiele: der „Herz-Jesu-Sozialist“ Norbert Blüm, Heiner Geissler oder Rita Süssmuth. Quelle: http://www.kas.de/wf/de/71.8820/

[iii] „Der kirchliche Sozialismus, wie er in den letzten Jahrzehnten bei zahlreichen Bekennern aller christlichen Kirchen Fuß gefasst hat, ist nichts anderes als eine Spielart des Staatssozialismus. Staatssozialismus und kirchlicher Sozialismus sind so sehr ineinander verwachsen, dass es schwerfällt, zwischen ihnen eine feste Grenze zu ziehen und von einzelnen Sozialpolitikern zu sagen, ob sie dieser oder jener Richtung angehören.“ Quelle: Ludwig von Mises, Die Gemeinwirtschaft – Untersuchungen über den Sozialismus (1922) http://docs.mises.de/Mises/Mises_Gemeinwirtschaft.pdf

[iv] Prof. Martin Rhonheimer, http://austrian-institute.org/christliche-sozialethik-und-kapitalismus/

[v] http://www.qe-gm.at/produkte/downloads/Band%202/Schmid_Gleichheit-und-Gerechtigkeit.pdf

[vi] „In einer aktuellen Umfrage der Harvard University lehnten 51% der Generation Y den Kapitalismus ab, während 33% den Sozialismus befürworteten.“ Quelle: http://www.misesde.org/?p=14601

[vii] 1Mose3:16-19 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.

[viii] Spr21:5 Das Planen eines Emsigen bringt Überfluss; wer aber hastet, dem wird’s mangeln.; Spr10:4 Lässige Hand macht arm; aber der Fleißigen Hand macht reich.; 1Thess 4,11 und eure Ehre darein setzt, dass ihr ein stilles Leben führt und das Eure schafft und mit euren eigenen Händen arbeitet, wie wir euch geboten haben,; 2Thess 3,10 Denn schon als wir bei euch waren, geboten wir euch: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.