Säkularisation, ein trojanisches Pferd

Kaum ein politisch relevanter Begriff erweckt so unterschiedliche, ja gegensätzliche Assoziationen wie der Begriff der Säkularisierung (Entchristlichung/Verweltlichung) bzw. der Säkularismus (Zerfall gesellschaftlicher Ordnung).

Die Frage, ob Säkularisation- aus christlicher respektive weltlicher Sicht- positiv oder negativ zu bewerten ist, soll in diesem Artikel behandelt werden.

Das Christentum hat die Welt nachhaltig verändert. Nicht durch Revolutionen, sondern primär durch Taten und Ideen, die seither die ganze Welt prägen und deren Wirkung seit Jahrtausenden andauert. Das gilt für fast alle Bereiche des Lebens. Von der Ethik bis hin zum Gesundheits- und Bildungssystem, von der Wirtschaft, der Wissenschaft, dem Rechtswesen und der Gesetzgebung bis hin zur Kunst.

Der römische Geschichtsschreiber Plinius der Jüngere (61 – 114 n. Chr.), selbst kein Christ , berichtete Kaiser Trajan in einem Briefwechsel über das „Christenproblem“ folgendes:

Sie beteuerten jedoch, ihre ganze Schuld oder auch ihre Verirrung habe darin bestanden, daß sie gewöhnlich an einem fest gesetzten Tag vor Sonnenaufgang sich versammelt, Christus als ihrem Gott im Wechsel Lob gesungen und sich mit einem Eid verpflichtet hätten – nicht etwa zu irgendeinem Verbrechen, sondern [gerade] zur Unterlassung von Diebstahl, Raub, Ehebruch, Treulosigkeit und Unterschlagung von anvertrautem Gut.

Briefwechsel zwischen Kaiser Trajan und Plinius

Christen distanzierten sich radikal von weiteren- im Römischen Reich gängigen- Sitten, wie Abtreibung, Tötung oder Aussetzung von Kindern, Selbstmord, Promiskuität und Erniedrigung der Frauen und wurden deshalb drei Jahrhunderte lang verfolgt.

Kaiser Tiberius (14 – 37 n. Chr.) schaute z. B. mit Vorliebe dabei zu, wie Gefolterte ins Meer geworfen wurden. Sein Nachfolger, Kaiser Caligula (37 – 41 n. Chr.), ließ sogar alle, die in seinem Palast dienten, umbringen. Und Kaiser Claudius (41 – 44 n. Chr.) war ein begeisterter Liebhaber der Gladiatorenspiele. Aufgrund des mutigen Wirken eines Mönchs, beendete Kaiser Honorius im Jahre 404 n. Chr. die menschenverachtende Gladiatorenspiele.

Viele weitere wichtige Errungenschaften, nicht zuletzt ein grundlegendes moralisches Fundament der Gesellschaft, sind auf die Werte und Rechtsvorstellungen des Christentum zurückzuführen. Dazu zählen die Abschaffung der Kinderarbeit, der Aufbau von Krankenhäusern und der Gesundheitsfürsorge, das Bildungswesen, die Wissenschaft, die Bedeutung der Arbeit und die Abschaffung der Sklaverei. Wenn heute Mord, Folter, Krieg, Terror und viele andere Grausamkeiten als unethisch verurteilen werden, ist das zu einem maßgeblichen Teil auf christliche Ethik zurückzuführen (siehe auch Andreas Püttmann in „Die neue Ordnung“ (Heft 5, Jahrgang 2012) mit einer breiten empirische Basis für den Verfall des moralischen Fundaments durch die Säkularisierung).

Mit der Geschichte der Säkularisierung und damit auch des Säkularismus begann jedoch vor etwa zweieinhalb Jahrhunderten eine zivilisatorische Gegenentwicklung.

Nachdem die Reformation, die zumindest formale Vorrangstellung der (römisch-katholischen) Kirche vor dem Staat beendet und sich das reformatorische Konzept der Unterscheidung, keinesfalls jedoch eine strikten Trennung von Kirche und Staat durchgesetzt hatte, wurde diese Liberalisierung mit der Französischen Revolution (1789-1799) wiederum verworfen und die absolute Trennung bzw. Herrschaft des Staates über die Kirchen je länger je mehr bzw. in den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts fast vollständig verwirklicht.

Je nachdem von welchem Standpunkt betrachtet, einem geistlichen (Theologie) oder einem weltlich-atheistischen (Philosophie, Soziologie, Verfassungsrecht), wird der Begriff Säkularisierung abweichend, bis völlig gegensätzlich voneinander verwandt und bewertet. Begriffe wie Welt, Weltlichkeit, Religion, Kirche, Glaube, Gesetz und Evangelium, werden verschieden verstanden, benutzt und somit oft aneinander vorbeigeredet.

Selbst das Subjekt der Säkularisierung ist dabei einmal die Kirche, das andere Mal die Welt, oder aber beide.

Kirchengeschichtlich geht der Begriff der »Verweltlichung« zunächst auf den Missbrauch weltlicher Macht durch die katholische Kirche, deren Herrschsucht, Geldgier und Sittenlosigkeit zurück.

In der Folge wurde er aber auch entgegengesetzt, als »christlicher Staat«, als Kampfbegriff für die Befreiung/Emanzipation der Welt aus den Fesseln von Religion und Kirche bis hin zur völligen Profanisierung christlicher Werte in der Gesellschaft bzw. Abfall der Kirche verstanden.

Heute werden vor allem drei Varianten der Säkularisierung unterschieden:

  1. die Profanisierung/Vereinnahmung christlich begründeter Ethik in humanistische Weltanschauung/-programmatik und Staatsideologie (Neutralität)
  2. die Verbannung aller Religion aus dem öffentlichen Raum bzw.  deren Ignorierung und Ausschaltung im weltlichen Recht (Laizismus)
  3. die Bekämpfung und Vernichtung der Religion schlechthin (Atheismus)
  4. die Bedeutung der Einziehung oder Nutzung kirchlichen Besitzes durch den Staat spielt heute so gut wie keine Rolle mehr (Recht)

Varianten 2 und 3 sind sowohl aus christlichen wie weltlichen Überlegungen offensichtlich abzulehnen, da wichtige weltlich-politische Werte und Rechtsvorstellungen, u. a. auch die Menschenrechte, maßgeblich auf christlicher Ethik gründen.

Wie sieht es jedoch mit der Profanisierung/Vereinnahmung christlich begründeter Ethik, also der 1. Variante aus?

Die Väter des Grundgesetzes hatten bewusst keinen säkularen bzw. laizistischen, sondern einen religiös neutralen Staat vor Augen und haben die Präambel, insbesondere vor dem Hintergrund des totalen, säkularen Staates in der NS-Zeit so formuliert:

„Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt,…“

Präambel des Grundgesetzes

Das Böckenförde-Diktum bietet dazu die Erklärung, dass das Christentum in den demokratisch verfassten Staat, Werte und Rechtsvorstellungen (Freiheit, Individualismus, Meinungs-, Religionsfreit, Gleichheit vor dem Recht, Vertragstreue und Eigentumsschutz etc.) einbringt:

Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.

Böckenförde-Diktum, Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation“ In: Recht, Staat, Freiheit. 2006, S. 112 f. (Hervorhebung im Original)

Dies hat in Deutschland in der Tat solange einigermaßen funktioniert, wie diese Voraussetzungen, also ein verbindendes Ethos, eine Art ‚Gemeinsinn‘, welcher auf dem Christentum fußt, vorhanden gewesen ist.

Womit wir beim Problem, dem trojanischen Pferd der ersten Variante- also der Profanisierung/Vereinnahmung christlich begründeter Ethik in das Staatsrecht, als Neutralität- angekommen sind: Mit der Säkularisierung wurden ein Prozess des allmählichen Bedeutungsverlustes christlicher Ethik in allen Lebensbereichen bis hin zum endgültigen Abfall von jeglicher gottgegebenen Ordnung und offener Feindschaft gegenüber Gott, Kirche und biblischer Ethik in Gang gesetzt.

Beste und traurigste Beispiele sind der millionenfache Kindermord, die faktische Abschaffung biologischer Geschlechter etc. als direkte und legitime Früchte der Säkularisierung. Hier erweist sich die Säkularisierung als Zerstörer eben der Voraussetzungen, des verbindenden Ethos, der den modernen, demokratischen Rechtsstaat überhaupt ermöglicht und führt zu einem sukzessiven Zerfall gesellschaftlicher Ordnung, bzw. einer zivilisatorischen Rückentwicklung.

Neben den sofort als religiös erkennbaren Rechtsgütern, stehen bei fortgesetzter Säkularisierung daher auch weitere, wie die oben bereits genannten (Individualismus, Meinungs-, Religionsfreit, Gleichheit vor dem Recht, Vertragstreue und Eigentumsschutz etc.) zur Disposition.

Letztlich stellen die drei Varianten der Säkularisation daher keine inhaltliche Differenzierung, keine alternativen Möglichkeiten, sondern drei verschiedene Phasen dar.

  1. durch die Profanisierung christlich begründeter Ethik in Gesellschaft und Verfassungsrecht (Neutralität) wird die Loslösung von ihrem eigentlichen Ursprung (Gott/Naturrecht) eingeleitet. Dies funktioniert solange so gut, wie die Gesellschaft noch relativ homogen und christlich geprägt ist
  2. mit der immer größeren werdenden Pluralisierung und Entchristlichung der Gesellschaft wird die Verbannung aller Religion aus dem öffentlichen Raum gefordert und die ursprünglich gewollte Neutralität, nach und nach durch völlige Ignorierung bzw. sogar Ausschaltung im weltlichen Recht ersetzt (Laizismus)
  3. durch neue Wertsetzung in Gesetzen, Bildung und Medien, setzt sukzessive eine staatliche und gesellschaftliche Bekämpfung und schlussendlich Vernichtung der Religion schlechthin (Atheismus) ein

Endpunkt stellen völlig säkularisierte Staaten, wie Nordkorea oder China dar. Staaten, die so heidnisch und ideologisch durchsetzt sind, dass Christen verfolgt und christliche Werte bekämpft werden.