„Ihr werdet meine Zeugen sein…“

Zeugnis geben“, so wird– überwiegend in evangelikalen und diesen nahestehenden christlichen Richtungen– oft der Bericht über persönliche Gotteserfahrungen oder erlebte radikale Lebensveränderungen, auch Bekehrung genannt, bezeichnet.

Nicht „Zeugnis geben“ oder „Zeugnis ablegen“, sondern „Zeugnis sein“! Ein anderer evangelikal-pietistischer Aspekt betont vorrangig nicht das „Zeugnis“ im Sinne einer konkreten inhaltlichen Äußerung, sondern die gesamte Lebensäußerung eines Christen. D. h. wie sich Christsein im Alltag auswirkt, praktisch wird.

Ist das damit gemeint, was die Bibel bzw. Christus darunter versteht, wenn er den Jüngern verheißt, daß diese Zeugen sein werden?

Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde. Apg1:8

Als erstes fällt bei genauerer Betrachtung auf, dass Christus– in Apg1:1-8, einer heilsgeschichtlichen Schnittstelle, dem Ende des irdischen Wirkens des Herrn und den Anfängen der neutestamentlichen Gemeinde– grammatisch betrachtet keineswegs einen Auftrag an alle nachfolgenden Generationen erteilt.

  1. es ist eine Verheissung für Seine Apostel
  2. das diese Zeugen sein werden
  3. es handelt sich um eine programmatische Aussage, eine Inhaltsangabe der Apostelgeschichte, der Ausbreitung des Evangeliums in der gesamten damals bekannten Welt
  4. es handelt sich um Bekenntnis zu einer konkreten Person: Christus.

Der verwandte griechische Begriff, „martus“ (μάρτυς), bezeichnete ursprünglich eine Person im forensisch-rechtlichen Sinne, einen Zeugen in einem Gerichtsverfahren. Die moderne juristische Definition versteht darunter folgendes: Zeugen sagen zu einem tatsächlichen Geschehen aus, von dem diese durch eigenes Erleben oder durch die Berichte anderer erfahren haben (Niedersächsisches Landesjustizportal).

Historisch und grammatisch betrachtet, waren also nur die Apostel und andere Augenzeugen Christi, im Wortsinn Zeugen. In diesem Sinne wird der Begriff hier benutzt. Etwas später gibt uns Lukas noch einmal eine Definition was er darunter versteht,  Zeuge Jesu zu sein.

Denn es ist uns unmöglich, von dem, was wir gesehen und gehört haben, nicht zu reden. Apg4: 20

Drei wichtige Aspekte werden an dieser Stelle benannt. Es geht grundsätzlich um eine

  • inhaltliche Mittteilung darüber
  • was gesehen und
  • gehört wurde und einen unmittelbaren Bezug zu Christus bzw. dem Evangelium besitzt

Die Verheissung Christi, Seine Zeugen zu sein, erfüllt sich demzufolge nicht dort, wo persönliche Lebenserfahrungen im Fokus stehen, oder dann, wenn Christsein praktisch im Leben eines Christen sichtbar wird.

Die Apostelgeschichte konkretisiert im weiteren Verlauf inhaltlich wodurch der Inhalt eines Zeugnisses definiert bzw. wovon die Apostel Zeugen waren.

  • Christi Tod, Auferweckung und Himmelfahrt (Apg2:32)
  • das zukünftige Gericht über Lebende und Tote (Apg3:15)
  • die Buße und Vergebung der Sünden durch seinen Namen (Apg5:30ff; Apg10:39ff)

Die Verheissung hat sich historisch im Leben der Apostel, nachlesbar in der Apostelgeschichte erfüllt. In der Anwendung auf unsere heutige Situation, geschieht Zeugendienst immer dort, wo Christus durch Gläubige bekannt wird, der einzelne Rechenschaft über seinen Glauben an Christus ablegt, oder Christus bzw. das Evangelium in der Predigt verkündigt wird.

sdg
apologet

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Sola Scriptura – Verschiedene Verständnisse und deren Folgen

So viel wirklich verschiedene Verständnisse existieren eigentlich gar nicht. Auslegung des Wortes, und damit die Verkündigung des Evangeliums entsteht jedoch vor dem Hintergrund unterschiedlicher Verständnisse darüber wie Gott spricht. Wahrheit, Irrtum oder Irrlehre.

Drei der wichtigsten Verständnisse zähle ich hier auf:

1. Evangelisch – Sola Scriptua
Die Schrift allein. Der Heilige Geist hat durch die Vorsehung die Texte und Schriften erhalten und zusammengestellt. Die Schrift allein ist die einzige, unfehlbare Quelle schriftlicher und mündlicher göttlicher Offenbarung, die allein einzige das Gewissen binden darf. Die Bibel allein lehrt alles, was zur Rettung von Sünde nötig, der Standard, an dem alles christliche Verhalten gemessen werden muss und von woher Leitung für das persönliche Leben erwartet werden kann. Der Heilige Geist spricht niemals unabhängig von oder gegensätzlich zu den Inhalten der Bibel, persönliche geistliche Erfahrungen, Stimmen oder ähnliche können niemals Mittel der Offenbarung sein.

2. Katholisch – Bibel und Überlieferung/Tradition
Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift sind eng miteinander verbunden und haben aneinander Anteil. Demselben göttlichen Quell entspringend, fließen beide gewissermaßen in eins zusammen und streben demselben Ziel zu (katholischer Katechismus). Die Schrift ist durch die Kirche in ihrer heutigen Form zusammengestellt und bestätigt worden. Neben den Texten der kanonischen Schriften gelten weitere Schriften als verbindlich und darüber hinaus wird die Möglichkeit göttlicher Offenbarung durch Menschen in Erscheinungen (Maria, Engel, „Christus“) eingeräumt, welche jedoch durch den Papst und/oder Beauftragte bestätigt werden müssen.

3. Evangelikal – Bibel und andere Offenbarungen
Sowohl die Schrift wie auch persönliche Offenbarungen, Erfahrungen haben ein und dieselbe Quelle. Die Heilige Schrift ist die niedergeschriebene göttliche Offenbarung, an welcher sich jede weitere göttliche Offenbarung, die durch den Heiligen Geist unabhängig vom Wort Gottes gewirkt wird, sei sie allgemein, persönlich oder in welcher Form (Eindrücke, Bilder, Visionen, hörbare Stimmen etc.) auch immer, zu messen hat. Je nach Ausprägung der Schwärmerei bzw. des evangelikalen Mystizismus reicht es von der erwarteten “persönlichen Führung” bis hin zu der regelrechten Anmaßung sogenannter “Propheten”, welche für Personen, Gemeinden und gesamte Länder “Offenbarungen” erhalten. Im Extremfall, der eben schlicht die logische Konsequenz darstellt, steht die aktuelle Offenbarung über der historischen Offenbarung.

Je nachdem existiert also eine evangelisch/reformatorische, auf der anderen die römisch-katholische respektive evangelikale (einschließlich der pfingst-charismatischen) Position. Deren jeweiligen, voneinander abweichenden hermeneutischen Ansätze führen meist zu den sich widersprechenden exegetischen Schlussfolgerungen. Das reformatorische “Sola Scriptura” bedeutet Sola Scriptura=Allgenugsamkeit der Schrift. Katholiken und Evangelikale (einschließlich der Pfingstler und Charismatiker) lehnen dies entweder bewusst oder unbewusst ab und akzeptieren verschiedene Formen mystischer/schwärmerischer Spiritualität. Konsequent wäre das “evangelisch” abzulegen.

Die reformatorische Position bedeutet, dass Gott in spezifischer Hinsicht niemals ausserhalb eines begrenzten Personenkreises gesprochen hat. Die Notwendigkeit das Gott sich durch “Offenbarung”, durch “prophetisches Wort” mitteilt, besteht aus folgendem Grund: Der Mensch ist durch Sünde von Gott getrennt. Gott und Sünde schließen einander aus. D.h. das Gott dem sündigen Menschen aus Gnade nicht unmittelbar begegnet. Auch der Gläubige bleibt ein Sünder (simul iustus et peccator). Gott muss sich dem Menschen offenbaren, weil Er für den Menschen unerreichbar (1Tim6:16) ist und bis zu dessen Verherrlichung auch bleibt. Darin besteht Sinn und Zweck des Wortes Gottes. Gott hat in der Menschheitsgeschichte spezifisch bzw. ausschließlich durch Propheten und Apostel gesprochen. Das meint Paulus als Apostel, wenn er von den “Geheimnissen” (Röm 16,25) spricht und sich als Apostel als Haushalter dieser Geheimnisse bezeichnet (1Kor 4,1). Es existiert darüber hinaus durchaus noch allgemeine Offenbarung durch die Schöpfung (Röm1), aber die ist hier irrelevant. Durch sein prophetisches Reden, durch Sein Wort erschafft Gott Sein Volk, Seine Gemeinde.

Die katholische und evangelikale Position negieren die Unerreichbarkeit Gottes für den Sünder, die Allgenugsamkeit des Wortes Gottes (Röm10:17), reduziert dieses auf die Funktion einer unterscheidenden Krücke. Mehr kann dazu eigentlich fast nicht gesagt werden. Der Evangelikalismus insgesamt, ist heute nur unwesentlich von der etwas extremeren Position der Pfingstler und Charismatiker entfernt.

sdg

Andreas

AfeM-Jahrestagung 2013 – emergente Verschleierung

TransformationAm  4. und 5. Januar fand in Herrenberg bei Stuttgart, die AfeM-Jahrestagung 2013 statt. Zu den Referenten gehörten Befürworter klassischer Evangelisationen wie der ProChrist-Leiter, Pfarrer Ulrich Parzany (Kassel), und Vertreter der sogenannten (emergenten) Transformationstheologie, Prof. J. Reimer.

Der Vorsitzende des Arbeitskreises für evangelikale Missiologie (AfeM), Prof. Thomas Schirrmacher (Bonn), erklärte am Ende der Tagung, dass in der evangelikalen Bewegung Deutschlands kein grundsätzlicher Streit darüber vorhanden sei, ob Christen eher evangelisieren oder sich gegen gesellschaftliche Missstände wenden sollten. Es sei unbestritten, dass soziales Engagement ebenso zum christlichen Auftrag gehöre wie die Predigt des Evangeliums (Quelle).

Dieser Wahrnehmung bzw. Erklärung ist klar und eindeutig zu widersprechen. Es existiert sehr wohl grundsätzlicher Streit in der evangelikalen Bewegung über diese und ähnliche Fragen bzw. nachhaltiger und berechtigter Widerspruch. Es ist äußerst bedauerlich, dass eine öffentliche Diskussion mit Vertretern und Kritikern der emergenten Bewegung totgeschwiegen bzw. vermieden  und verschleiert wird.

Der bekannte und exponierte Vertreter der emergenten Bewegung Deutschlands, Prof. Johannes Reimers, behauptete im Rahmen dieser Tagung, die emergente Transformationstheologie wolle nicht die Gesellschaft verändern. Diese Aussage entspricht nachweislich nicht der Wahrheit.

Dr. Tobias Faix (persönliches Ziehkind Prof. Reimers) schreibt beispielsweise auf seiner Seite:

„Wenn wir von Transformation reden, dann gehen wir davon aus, dass der dreieinige Gott der Urheber allen Handelns ist und seine missio Dei (Gottes Mission/Sendung)das handelnde Subjekt in der Geschichte darstellt. Transformation beschreibt die verschiedenen Dimensionen dieses Handeln hier auf Erden, sei im persönlich-individuellen Bereich, im sozialen, politischen, kulturellen, ökologischen, theologischen oder sozio-strukturellen. Gott spricht durch sein Heilshandeln in diese Welt und verändert diese. Sein ganzheitliches Heil zeigt sich dabei in der Wiederherstellung von Beziehungen (in der Spannung von gegenwärtig & eschatologisch) und umfasst die ganze Schöpfung und den ganzen Menschen.In dieser Gemeinschaft der Christen wirkt Gottes heilende Kraft der Veränderung (durch den Heiligen Geist). Darin sehen wir die biblischen Botschaft, dass die versöhnende Kraft Christi eine zentrale Rolle für diese Welt spielt. Diese Botschaft soll für uns und unsere Lebenswelt nicht ohne Folgen bleiben. Da unser Leben in vielfacher Weise mit Anderen verwoben und vernetzt ist, gewinnt die heilende Versöhnung Christi in und durch uns eine lebendige Gestalt, die tatsächliche Veränderungen mit sich bringt. Bei aller „Schwerkraft“ des Alltags und allem „Gefallen“ sein, bricht die Herrlichkeit Gottes auf die unterschiedlichste Art und Weise durch und sucht und schafft Gerechtigkeit.“ Quelle

Und auch Prof. Reimer selbst schreibt entgegen seiner Behauptung anderes:

„Transformation steht zunächst von seiner lateinischen Ursprungsbedeutung für eine Übertragung des Inhalts aus einer Form in eine andere. Man kann Transformation auch als Umformung beschreiben. Wer transformieren will, der strebt einen Prozess der Neugestaltung und als Resultat eine Veränderung der Verhältnisse an. Der Begriff wird heute in allen Wissensbereichen für entsprechende Umformungsprozesse gebraucht.Seit mehreren Jahren wird das Wort Transformation auch verwendet, um spirituelle Veränderung zu beschreiben. So kann man von der Transformation des Bewusstseins reden, einer sehr persönlichen Umformung der geistlichen, seelischen und physischen Befindlichkeiten einer einzelnen Person. Oder es geht um gemeinsame Prozesse der Veränderung spiritueller Befindlichkeiten in der Gesellschaft. Seit Jahren ist der Begriff ein terminus technicus der esoterischen Szene. In der neuen Religiosität sucht man allem voran eine Bewusstseinserweiterung und damit so etwas wie eine Transformation des Bewusstseins. […] Wenn also die Kirche von ihrer Mission spricht, dann hört der Zeitgenosse nicht die Umgestaltung der Völker im Sinne dessen, was Jesus uns gelehrt hat. Aber genau das besagt doch der Missionsbefehl in Matthäus 28,18ff! Die Christen sollen in alle Welt gehen, die Völker taufen und sie lehren, alles zu halten, was Jesus sie gelehrt hat. Oder etwa nicht? Man hört heute weder etwas vom Reich Gottes noch von einem wie auch immer gearteten Anspruch Gottes auf alle Bereiche des Lebens in der Gesellschaft. Aber das ist doch letztendlich das Herzstück des Evangeliums, das Jesus gepredigt und seinen Jüngern anbefohlen hat zu predigen – ein Evangelium vom Reich!Quelle

Prof. J. Reimer behauptet in seinem Essay (Transformation- was ist gemeint?) also, es sei primäre Aufgabe der Gemeinde Reich Gottes zu bauen. Womit er jedoch nicht jene „Reichsgottesarbeit“ vergangener Tage meint, bei welcher man sich Gott mit seinem Leben zur Verfügung stellte bzw. Gott im Gebet bat „Dein Reich komme“, sondern eine aktive Umgestaltung dieser Welt in sozialer und gesellschaftspolitischer Hinsicht.

Hier hat man (Prof. Reimer und Dr. Faix stehen damit keinesfalls alleine) sich- offenbar aufgrund des Status quo dieser Welt (Armut, soziale Ungerechtigkeit etc.)- entschieden, nicht mehr mit der Bitte „Dein Reich komme“ zufrieden zu geben, sondern strebt inzwischen selbstbestimmt eine umfassende Umwandlung der Lebenswelt der Menschen in Gottes Formen und Vorstellungen an. Die Welt soll durch Mission unter die Herrschaft Gottes kommen.

Dazu ist ein neues Missionsverständnis notwendig. Unter Mission wird dann nicht mehr der schlichte und oft schwache Ruf der Gemeinde zur Buße, die inhaltliche Belehrung der Völker mit dem Wort Gottes und Taufe, sondern ein realer Herrschaftswechsel und damit ganzheitliche Veränderung des Lebensraumes in der Gesellschaft verstanden. So jedenfalls Prof. Reimer in einem diesbezüglichen Essay.

Bereits seit einigen Jahren, scheint es erforderlich zu sein, sich als Christ mit einigen neuen Begriffen vertraut zu machen. Begriffe deren Verwendung in der Gemeinde bzw. in einem geistlichen Kontext teils merkwürdig, teils vertraut und dennoch fremd anmuten. „Transformation“ und „missional“ sind zwei solcher Begriffe, welche man exemplarisch anführen und sich merken sollte.

Beide Begriffe sind thematisch eng mit

  • der Gemeinde
  • der Gesellschaft und
  • der emergenten Bewegung

verbunden und sollen bisher verwandte Begriffe ersetzen. Ginge es nun lediglich um die Verwendung alternativer Begrifflichkeiten, wäre es nicht weiter problematisch, jedoch werden auch die mit den Begriffen verbundenen Inhalte anders als hergebracht verstanden und verwandt.

Mission bzw. Transformation sind ganz eindeutig „emergente Schwerpunkte“. Prof. J. Reiner, emergenter Stichwortgeber und oft geladener Sprecher auf emergenten Konferenzen, erklärt in seinem zweiseitigen Essay kurz was er darunter verstanden wissen will:

„Wer also für den Austausch der guten alten Vorstellung von der Heiligung mit dem Begriff Transformation votiert, mag gute Gründe haben. Denn unter Transformation versteht unser Zeitgenosse eindeutig Umwandlung des Bewusstseins und des individuellen Lebenskonzeptes. […] Und wenn wir Mission als transformierende Wirklichkeit beschreiben, dann geben wir unseren Mitbürgern die Möglichkeit, zu verstehen, was gemeint ist.“

Der Begriff Transformation steht also Reimers bzw. dem emergenten Verständnis folgend, für den biblischen Begriff Heiligung. Wobei die Transformation das Ziel und Mission das Mittel darstellt. An dieser Stelle muss jedoch gefragt werden, was diesem Verständnis folgend unter „Heiligung“ zu verstehen ist? Prof. J. Reimer schreibt folgendes:

„Versteht man denn heute in der Gesellschaft noch was Heiligung, Mission und Evangelisation bedeutet? Oder werden diese Begriffe schnell auf ein volkstümliches Verständnis reduziert? Wenn individuelle Transformation Heiligung ist und Transformation eine Umwandlung unseres Denkens voraussetzt, wird dann auch unter Heiligung eine Heiligung der Gedanken verstanden? Mag sein. Ich habe jedenfalls selten Predigten über Heiligung gehört, die eine umfassende Umwandlung der Persönlichkeit des Menschen meinten. Doch in der Bibel bedeutet Heiligung genau das – den alten Menschen auszuziehen und den neuen anzuziehen (Kol. 3,3ff ). Leider hat der Begriff in der Geschichte der Christenheit eher den Beigeschmack einer von der Kirche verlangten Konformität erfahren.“

Reimer hat im Bezug auf die Heiligung also nicht allein die Gemeinde oder Gläubige, sondern Nichtgläubige bzw. die Gesellschaft im Blick. Die Schrift unterscheidet jedoch strikt zwischen Welt und der Gemeinde. Heiligung bedingt der Schrift folgend Rechtfertigung, wobei Rechtfertigung eine richterliche Handlung Gottes im Bezug auf die Stellung des Menschen (Freispruch von Strafe/Recht auf Leben) vom Ungläubigen zum Gläubigen und Heiligung ein Wirken Gottes am Gläubigen in Bezug auf Gewohnheiten und Taten ist. Beides Handlungen Gottes, wobei Heiligung ohne grundlegende Rechtfertigung nicht möglich ist.

Diese- man kann es nicht anders nennen- Selbst- und Neubeauftragung der Gemeinde geschieht also auf Grundlage einer Neu- bzw. Uminterpretation des Evangeliums mit der Folge, dass sich Gemeinden vollständig diesem Evangelium anpassen und verändern. Nicht mehr Christus und die zukünftige, himmlische Hoffnung steht im Zentrum dieses neuen Evangeliums, sondern der Mensch und eine irdische Hoffnung. Die Welt soll nicht bloß zur Buße aufgerufen werden, sondern gesellschaftlich verändert, die Gemeinde soll vor allem sozial aktiv und gesellschaftlich relevant sein.

Keine Frage, ein solches Evangelium besitzt Attraktivität. Man wird anders wahrgenommen wenn man nicht bloß lehrt und tauft, sondern sozial und gesellschaftlich aktiv ist. Die Gemeinde wird dann plötzlich als gesellschaftliche Bereicherung, nicht als verstörender Fremdkörper angesehen, wird eingeladen und hoffiert, nicht verlacht oder gar verfolgt, besitzt Relevanz. Gemeinden mit einem solchen Evangelium erkennt man äußerlich nicht sofort. Und der Prozess dorthin ist oft schleichend, das Vokabular so ähnlich, die Menschen nett und aktiv, die Gottesdienste oft interessant und mitreissend.

Für wen jedoch ist eine solche Gemeinde attraktiv oder relevant… Gott oder Menschen? Die Gemeinde: Braut Christi, oder Braut dieser Welt?

Das Reich Gottes ist in dieser Welt aktuell nur im Verborgenen erkennbar, in jedem Gläubigen, in der Gemeinde. Das Reich Gottes ist dort präsent, wo Gott herrscht, Sein Wille geschieht. In dieser Welt geschieht noch nicht der Wille Gottes. Diese Welt, die gesamte Schöpfung wartet vielmehr sehnsüchtig darauf, das es zukünftig offenbar wird. Die sichtbare Ankunft dieses Reiches steht also aus, kann von Menschen nicht betrieben werden weil das sichtbare Reich Gottes mit der sichtbaren Wiederkunft und Gegenwart des Herren dieses Reiches verbunden ist.

sdg
Andreas

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Freiheit für Blasphemie? Kontroversen um „Götter wie wir“ und „Jesus liebt mich“

Freiheit_BlasphemieFolgende Neuerscheinung beim Lichtzeichen-Verlag greift ein brisantes Thema auf: Freiheit für Blasphemie? Kontroversen um „Götter wie wir“ und „Jesus liebt mich“

Das gab es in Deutschland noch nie: Knapp 38.000 unterschreiben eine Petition bezüglich Blasphemie, die Reaktionen sind gewaltig – positiv wie negativ.

Rückentext des Buches:
Seit Ende 2012 werden vor allem Christen in den Medien vermehrt mit einem brisanten Thema konfrontiert: Blasphemie. Auslöser sind die ZDF-Serie „Götter wie wir“ sowie der Kinofilm „Jesus liebt mich“, die zu heftigen Kontroversen führten. Wie sind diese Erscheinungen biblisch zu beurteilen? Sind Petitionen und Beschwerden sinnvoll? Ist eine Auseinandersetzung eigentlich biblisch geboten? Mit diesem Buch gibt der Autor eine wertvolle Orientierungs- und Beurteilungshilfe. Das Thema Blasphemie wird biblisch untersucht, die Phänomene werden ausführlich dokumentiert. Der Leser wird hineingenommen in eine gründliche und fundierte Auseinandersetzung, die zu biblisch gebotener Wachsamkeit und geistlich klarem Blick verhilft.

Leseprobe der ersten 13 Seiten: hier→

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Christus oder Israel?

Unterschiedliche Gründe führen erneut zu der Beschäftigung mit der sogenannten „Endzeit-Thematik“ bzw. „Israel=Schlüsselfrage“. Man mag- durchaus berechtigt- fragen, ob diese Thematik denn wirklich wichtig ist. Nun, heilsentscheidend muss eine Positionierung u. U. nicht sein, aber unwichtig eben auch nicht. Wieso? Zentrale Fragen des Evangeliums sind von dieser Thematik betroffen.

Da wäre zum einen die Frage: ob nun Christus, oder Israel Schlüssel der Schriftauslegung ist; zum anderen, was es mit dem Wesen der Kirche auf sich hat: Gottes Volk in der Kontinuität des Heilsplanes Gottes, oder temporärer Einschub?

Das jeweilige Schriftverständnis1 entscheidet diese Fragen. Das Matthäusevangelium ist nun m. E. bestens geeignet bei der Suche nach einer Antwort auf beide Fragenkomplexe zu helfen. Es beginnt, ähnlich wie das Lukas- und das Johannesevangelium, mit einer Genesis-Erzählung (Herkunft, Abstammung), beginnt jedoch nicht bei Adam, wie Lukas, oder bei Gott selbst, wie Johannes, sondern führt Christus in gerader Linie auf Abraham (Mt1:1) zurück:

 

Abraham → David → Christus

 

Das Matthäusevangelium ist eine Klammer zwischen den Testamenten bzw. eine direkte Fortsetzung der Bundesgeschichte Gottes mit Israel. Mit Abraham hat dieser Bund einen spezifischen Anfang genommen und in David eine königliche Ausprägung gewonnen. Mit Christus erfährt diese Verheißungslinie jedoch erst das Ziel den Vollendungspunkt bzw. seine eigentliche Erfüllung!

1Mo15-17 u. 22:18 berichten von dem Bund Gottes zugunsten Abrahams und des Verheißungserben, durch welchen alle Völker gesegnet werden sollen. Israel hat sich über die Jahrhunderte immer selbst als dieser Verheißungserbe verstanden. Und in dieser Weise verstehen manche Christen Israel auch heute noch. Besteht dazu Berechtigung?

Liest man den Text in Genesis aus neutestamentlicher Sichtweise, widerspricht bspw. Johannes der Täufer diesem Anspruch deutlich (Mt3:1-12 ), verneint jeden ethnischen Anspruch Israels, stellt darüber hinaus ein abschließendes Gericht in Aussicht. Bereits die Unterscheidung zwischen Ismael und Isaak lassen ein geistliches Prinzip deutlich werden. Allein Isaak wird als Sohn der Verheißung (Gal4:28) identifiziert. Paulus führt dies verschiedentlich (Röm2 ) weiter aus (Gal3 ) und identifiziert ausschließlich Christus als den eigentlichen Sohn der Verheißung, den verheißenen Erben.

 

sdg

Andreas

 

1 Mein Schriftverständnis: Allein Christus der Schlüssel jeder Textauslegung, nicht Israel. Weiterhin erachte ich den historisch-grammatischen Literalsinn, keine übersteigerte Wortwörtlichkeit des Textes, für maßgeblich. Darunter fällt für mich u. a. das Prinzip der Klarheit der Schrift, der Schriftauslegung durch die Schrift und das Primat des Neuen Testamentes gegenüber alttestamentlichen Texten bei der Exegese in der Weise, wie Christus und die Apostel es taten.